Interview zur Bürgerbeteiligung "Eine unsichtbare Energiewende gibt es nicht"

Praterkraftwerk in München

Dezentral und bürgernah - nur so wird die Energiewende zum Erfolg, meint Jens Mühlhaus vom Energiedienstleister Green City Energy. Ein Interview über grünen Strom, Seehofers Abneigung gegen Windräder und die Fotovoltaik-Guerilla.

Von Georg Etscheid

Nur ein Trafohäuschen steht zwischen den Bäumen, die das Isarufer säumen, hier zwischen Maximiliansbrücke und Friedensengel im Münchner Stadtzentrum. Mehr ist nicht zu sehen. Dabei ist das "Praterkraftwerk", benannt nach der "Praterinsel" - einem mit Bäumen und Sträuchern bewachsenen Biotop mitten im Fluss - eine Attraktion. Und ein Zeichen dafür, dass es die Münchener ernst meinen mit der Energiewende. Um das Kraftwerk zu besichtigen, müssen wir über eine steile Treppe einen Schacht hinabsteigen, der 25 Meter tief unter das Bett der Isar führt. Hier dreht sich mit ohrenbetäubendem Lärm eine Kaplan-Turbine, angetrieben vom Flusswasser. Pro Jahr erzeugt sie etwa zehn Millionen Kilowattstunden Strom, was dem Verbrauch von 4000 Durchschnittshaushalten entspricht.

natur: So sieht sie also aus, die "Energiewende von unten"...

Mühlhaus: (lacht) Das kann man so sehen. Leider ist es nicht immer so, dass die Energiewende einfach unter der Erde verschwindet. Das wäre natürlich schön. Geht aber nur in Ausnahmefällen.

Über die Widerstände gegen Windräder und Solarparks werden wir später noch sprechen müssen. Wie funktioniert denn dieses Untertage-Kraftwerk?

150 Meter oberhalb des unterirdischen Turbinenhauses leiten wir einen Teil des Isarwassers in einen Druckstollen. Der Einlauf an der Maximiliansbrücke ist kaum zu sehen, weil er unter dem Wasserspiegel liegt. Auf seinem Weg durch den Stollen unterm Flussbett fällt das Wasser rund neun Meter tief. Dieses Gefälle reicht, um eine 2,5-Megawatt-Turbine anzutreiben. Das entspricht einer modernen Windkraftanlage. Wenn das Aggregat unter Volllast läuft, ist es hier unten sehr warm. Pfützen und Schwitzwasser sehen Sie dann nicht. Die sind verdampft. Und alles vibriert. Ein wenig. Die Spannung ist richtig zu spüren.

Wie viel wird momentan ins Netz gespeist?

Hier auf der Anzeige können Sie es ablesen. Rund 300 Kilowatt. Das ist nicht besonders viel, weil die Isar aktuell wenig Wasser führt. Es hat ja lange nicht mehr richtig geregnet. Und in den Bergen liegt auch kein Schnee, der schmelzen könnte. Aber damit können immer noch etwa 200 Haushalte kochen.

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    Der Text stammt aus der März-Ausgabe von natur, dem Magazin für Natur, Umwelt und nachhaltiges Leben. Er erscheint hier in einer Kooperation. Mehr aktuelle Themen aus dem Heft 3/2014 auf natur.de...

War es schwierig, inmitten einer Millionenstadt und ausgerechnet am streng geschützten Isarufer ein Kraftwerk zu bauen?

Natürlich war es nicht einfach, dieses ja nicht gerade kleine Projekt mit dem Gewässerschutz und dem historisch gewachsenen Stadtbild in Einklang zu bringen. Schließlich hängen die Münchener an ihrem Fluss und stehen jedem Eingriff erst einmal skeptisch gegenüber.

Wie haben Sie die Skeptiker überzeugt?

Wir haben die Bürger von Anfang an mit an Bord geholt. Wir haben sie von unserem mutigen Konzept überzeugt und auch finanziell beteiligt. Über den "Kraftwerkspark I" konnten interessierte Bürger in die Anlage investieren. Betrieben wird sie übrigens von den Münchener Stadtwerken, die beschlossen haben, bis 2025 aus München die erste Millionenstadt der Welt zu machen, die nur mit Ökostrom aus eigenen Anlagen beliefert wird.

Jens Mühlhaus, Vorstand von Green City Energy

(Foto: Green City Energy)

Und Sie meinen, auf diese Art kann man im ganzen Land mit seinen Strom fressenden Großstädten und Industriebetrieben die Energiewende stemmen?

Das Praterkraftwerk ist ein Paradebeispiel dafür, wie die dezentrale Energiewende in Bürgerhand funktionieren kann. Was viele nicht wissen: Die Bürger in Deutschland sind ja schon heute die eigentlichen Träger dieses Prozesses. Etwa die Hälfte der installierten Leistung aus Erneuerbaren Energien stammt von Anlagen, die Privatpersonen. gehören, wie Solaranlagen auf dem eigenen Hausdach oder Biogasanlagen. Viele besitzen auch Anteile an Energiegenossenschaften oder haben in Windkraftfonds investiert. Mehr als 56 000 Gigawattstunden Strom wurden 2012 in Erneuerbare-Energie- Anlagen erzeugt, die den Bürgern gehören. Das sind 43 Prozent des produzierten Ökostroms und immerhin zehn Prozent des gesamten deutschen Stromverbrauchs.

Und die Energiekonzerne?

Etablierte Energieversorger, dazu zählen auch Stadtwerke, besitzen gerade mal einen Anteil von zwölf Prozent der regenerativen Energieanlagen. Die vier großen Konzerne E.ON, RWE, Vattenfall und EnBW kommen zusammen sogar nur auf 6,5 Prozent. Da stellt sich natürlich die Frage, ob ihr "Ja" zur Ökoenergie nicht nur ein Lippenbekenntnis ist.