Interview mit Aubrey de Grey "Altern ist auf jeden Fall ungesund"

Doch das ist letztlich eine Frage der Abwägung: Wie schlimm ist es, nicht mehr Ski zu fahren? Schlimm. Aber schlimm genug, um die ewige Gesundheit aufs Spiel zu setzen?

SZ: Wird ohne einen natürlichen Tod die Selbstmordrate in die Höhe schnellen?

Aubrey de Grey: Nein, sie wird sogar runtergehen. Die Menschen werden einsehen: Okay, meine Lebensumstände sind derzeit mies, aber die Chance ist groß, dass sich das im Laufe der Zeit wieder ändert. Und weil die Menschen dem Leben einen höheren Wert beimessen, wird auch die Zahl der Toten durch Morde und Kriege sinken.

SZ: Ist Altern eigentlich eine simple Krankheit, die kuriert werden kann?

Aubrey de Grey: Altern ist auf jeden Fall ungesund, es ist schlecht für die Menschen. Das Risiko eines Beinbruchs steigt, alte Menschen können sterben, das ganze unschöne Programm eben.

SZ: Schon, aber kann man Altern auch heilen?

Aubrey de Grey: Nicht im klassischen Sinn, aber das ist gar nicht so wichtig. Es gibt für mich zwei Arten von Erkrankungen: Manche lassen sich vollständig kurieren, zum Beispiel indem man ein Serum spritzt, das ein Virus aus dem Körper vertreibt. Bei anderen Krankheiten, zum Beispiel bei Malaria, können wir dagegen nur die Symptome unterdrücken, das aber relativ gut. Wir können die Krankheit kontrollieren und damit - praktisch gesprochen - auch "heilen".

SZ: Beim Altern könnte das ähnlich laufen?

Aubrey de Grey: Ja, Menschen können in Zukunft unendlich lange gesund bleiben - aber nur, wenn sie sich einer periodischen Behandlung unterziehen.

SZ: Wird das einfach?

Aubrey de Grey: Oh, überhaupt nicht. Andernfalls hätte es schon jemand getan.

SZ: Aber Sie haben die Lösung gefunden?

Aubrey de Grey: Zumindest habe ich sieben wichtige Nebenwirkungen des Lebendigseins ausgemacht - Abfallprodukte des Stoffwechsels, die sich im Laufe des Lebens im Körper anhäufen und die wir beseitigen können.

SZ: Zum Beispiel?

Aubrey de Grey: Im alternden Körper sammeln sich vermehrt unerwünschte Zellen an. Diese Ablagerungen können quälende Probleme hervorrufen, etwa in den Gelenken. Gelingt es uns jedoch, körpereigene Killerzellen geschickt zu aktivieren, können wir gezielt gegen solche Ablagerungen vorgehen. Ähnlich verhält es sich mit allen anderen Alterserscheinungen.

SZ: Wann müsste die Therapie beginnen?

Aubrey de Grey: Die Abfallprodukte haben einen großen Vorteil: Sie sammeln sich zwar nach und nach im Körper an, richten zunächst aber kaum Schäden an. Mit meinen 42 Jahren kann ich noch immer fast so schnell laufen wie im Alter von 20 - und auch genauso gut denken. Bislang ist nichts schief gegangen.

SZ: Aber irgendwann wird auch Aubrey de Grey siech und senil.

Aubrey de Grey: Erst wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist. Dann wird es zugegeben schlimmer und schlimmer. Umgekehrt müssen wir die Schäden aber auch nur bis zu dieser Schwelle beseitigen. Wenn uns das gelingt, wäre das so, als würden wir alle Alterserscheinungen auslöschen. Die Schäden blieben dann auf einem überschaubaren Niveau.

SZ: Wie oft müssen die Menschen künftig zur Verjüngungskur?

Aubrey de Grey: Das wird ein bisschen wie bei der Pflege eines Autos sein. Soll der Wagen - also der Körper - immer gut aussehen und perfekt in Schuss sein, bringt man ihn häufig in die Werkstatt. Reicht es, dass das Auto zuverlässig fährt, kommt man nur alle paar Jahre zum Service.

SZ: Wie lange muss der Körper in der Werkstatt bleiben?

Aubrey de Grey: Die ersten Therapien werden sehr aufwendig und sehr kompliziert sein. Wahrscheinlich müssen die Menschen für längere Zeit ins Krankenhaus und unschöne Dinge über sich ergehen lassen. Anfangs werden die Therapien experimentell, riskant und teuer sein. Aber gleichzeitig wird ein immenser öffentlicher Druck entstehen, die Methoden zu verbessern und weiter auszudehnen.

SZ: Und dann?

Aubrey de Grey: Nach zehn oder zwanzig Jahren wird alles viel einfacher. Man muss höchstens noch einen Tag ins Krankenhaus, vielleicht kann man sich auch zu Hause Spritzen setzen und Pillen nehmen.