Kann man bei Mobilfunk oder Gentechnik nur auf Grenzwerte vertrauen? Aus Sicht des Risikoforschers Andreas Hensel ist Sicherheit eine Illusion.
Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung, vermittelt zwischen Wissenschaft und Gesellschaft - der Forschung und ihrer Umsetzung in Politik.
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SZ: Herr Hensel, wie viel Gift verträgt ein Mensch?
Hensel: Das lässt sich nicht in einem einzelnen Wert ausdrücken. Jeder Stoff, den wir aufnehmen, führt zu einer individuellen, toxikologisch bewertbaren Situation. Als Wissenschaftler können wir nur die Bereiche aufzeigen, in denen Gefahr droht oder wo wir kein Risiko erwarten würden.
SZ: Das klingt nicht sehr beruhigend.
Hensel: Es gibt eben kein Nullrisiko. Aus Sicht eines Risikoforschers ist Sicherheit eine Illusion: Eine Situation kann nicht entweder sicher oder unsicher sein, sondern nur mehr oder weniger gefährlich. Sicherheit ist ein relativer Zustand, in dem ein Restrisiko als akzeptabel wahrgenommen wird.
SZ: Grenzwerte geben also keine Sicherheit?
Hensel: Nein, sie ziehen auf Basis wissenschaftlicher Daten nur eine Linie zwischen einer akuten Bedrohung und dem Bereich, der von der Gesellschaft gerade noch als akzeptables Risiko empfunden oder definiert wird. Grenzwerte sind also politische Werte, die zwischen verschiedenen Interessenslagen vermitteln. Sie versetzen Überwachungsbehörden in die Lage, zulässig von unzulässig zu unterscheiden.
SZ: Das hatten wir uns anders vorgestellt.
Hensel: Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es keine absoluten Wahrheiten mehr gibt. Wir haben nur noch relative und die verändern sich auch noch ständig. Zu unseren Aufgaben zählt auch, eine Akzeptanz für die Gefahren zu schaffen, mit denen wir leben müssen.
SZ: Wie funktioniert das?
Hensel: Wir veröffentlichen nicht nur nackte Zahlen als Ergebnis einer Risikobewertung, die sprechen eben nicht allein für sich. Wir wollen den Menschen darüber hinaus Orientierungswissen anbieten. Das hilft jedem Bürger dabei, Risiken selbst einzuschätzen.
SZ: Will man das? Es wäre doch viel einfacher, einer Institution zu glauben, die einem sagt, wie man sich verhalten soll.
Hensel: Es kommt ein bisschen darauf an, wie man gestrickt ist. Die einen wollen informiert sein, um Vertrauen aufbauen zu können. Die anderen wollen etwas autoritär gesagt bekommen, wo es lang geht. Wir müssen darauf hinarbeiten, einerseits die Risikowahrnehmung in der Gesellschaft zu verändern und andererseits den Menschen die Angst zu nehmen.
SZ: Und Sie versuchen es mit Aufklärung?
Hensel: Wenn wir es schon nicht schaffen, alle Risiken des Lebens zu eliminieren, so wollen wir doch bei möglichst vielen Menschen ein Risikobewusstsein schaffen. Für den Wissenschaftler ist es etwas vollkommen Normales, dass er mit Unwägbarkeiten umgeht. Er versucht, sie zu reduzieren und sein Wissen zu sichern, indem er Reproduzierbarkeit einfordert, experimentelle Rahmenbedingungen aufschreibt und sagt: Für diesen Bereich gelten diese Ergebnisse.
SZ: Und dann nehmen Wissenschaftler wie selbstverständlich an, dass jeder versteht, mit welchem Maß an Unsicherheit man es jeweils zu tun hat und wie viel Interpretationsspielraum besteht?
Hensel: Genau, und dann wundern sie sich meist, dass der Rest der Gesellschaft, also die Politik, die Medien, die Verbraucher, die Industrie oder Nichtregierungsorganisationen ebenfalls beginnen, die Ergebnisse zu interpretieren, und zwar eben nicht in dem Bereich der Unwägbarkeit, die im Wesen des Erkenntnisfortschritts liegt, sondern sie projizieren ihre ganz eigenen Interessenslagen auf die Resultate. Sie sehen das, was sie sehen wollen. Die Diskussionen um die Grüne Gentechnik und die Risiken des Mobilfunks sind voller anschaulicher Beispiele dafür.
SZ: Warum lassen sich denn eigentlich nicht alle Risiken vermeiden?
Hensel: Erstens, weil man gar nicht alle kennt. Und man kann, wenn überhaupt, nur eine bekannte Gefahrenquelle ausschalten. Dann gibt es unvermeidbare Gefahren. Dioxin ist ein gutes Beispiel: Es entsteht in Verbrennungsprozessen und kommt praktisch überall in der Welt vor. Und es gibt sehr empfindliche Nachweismethoden für dieses Gift. Würde man eine Nulltoleranz für Dioxin festlegen, wäre das realitätsfremd, weil es sich kaum vermeiden lässt. Aber wir wollen auch gar nicht alle Risiken sehen.
Es gibt diesen alten Soziologenspruch: die Angst des Rauchers vor dem Schlangenbiss. Diejenigen, die bewusst bestimmte Risiken eingehen, reagieren empfindlicher auf Risiken, die sie nicht kontrollieren können. Das zeigt, wie selektiv Risikowahrnehmung ist. Ein wichtiger Mechanismus, ohne den wir bis heute wohl gar nicht überlebt hätten.
SZ: Deshalb ist es so schwierig, das zu ändern?
Hensel: Das ist eine Art evolutionäre Falle. Wir erlernen und verinnerlichen, welche Risiken wir eingehen können und welche wir meiden wollen. Am meisten fürchten wir Dinge, auf die wir keinen Einfluss haben. Deshalb haben auch die meisten Menschen mehr Angst vor dem Mobilfunksender auf dem Dach als vor ihrem eigenen Handy in der Hosentasche. Letztendlich sind aber die Dinge, die einen töten, nicht unbedingt diejenigen, vor denen man sich fürchtet.
(SZ Wissen 15/07)
Linke mit neuer Führung