SZ: Mit welchen Stücken werden Sie Ihre Kollegen unterhalten?
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Reiter: Ich bin blutiger Amateur, ich spiele ein bisschen Blues, etwas Pink Floyd, so in der Richtung. Aber ich habe kein großes Repertoire und kann ganz sicher keine konzertreifen Liedchen spielen. Stattdessen klimpere ich zur Entspannung viel lieber ein paar Akkorde vor mich hin.
SZ: Für so etwas ist dann doch Zeit?
Reiter: Klar. Der Tagesablauf dort oben ähnelt den Arbeitszeiten auf der Erde: Unter der Woche geht der Arbeitstag abends gegen neun oder zehn Uhr zu Ende, dann hat man noch eine oder anderthalb Stunden für sich. Und am Wochenende ist das Arbeitsprogramm etwas reduziert, sodass am Samstag oder Sonntag auch mal ein paar Stunden Freizeit drin sind.
SZ: Wenn Sie an Ihren Flug zur Mir zurückdenken: Was wird dieses Mal anders sein?
Reiter: Auf der ISS soll es eine größere Auswahl an Mahlzeiten geben.
SZ: Und abseits des Speiseplans?
Reiter: Die Technik, die hinter den Wänden der Station verbaut ist, ist wesentlich moderner als seinerzeit auf der Mir. Das betrifft hauptsächlich die Datenverarbeitung und die Kommunikation. So haben wir jetzt fast permanent Kontakt zu den Kontrollzentren in Houston und Moskau.
SZ: Das heißt, Sie können problemlos nach Hause telefonieren?
Reiter: Genau, auf der Mir hatten wir nur alle zwei Wochen Gelegenheit zu einer Videokonferenz. Dazu mussten die Familien aber ins Kontrollzentrum nach Moskau kommen. Von der ISS aus kann man Freunde und Familie direkt anrufen - sogar über ein Videotelefon. Nur angerufen werden kann man da oben nicht. Aber das hat auch seine Vorteile.
SZ: Wie schnell gewöhnt sich der Mensch an die Schwerelosigkeit?
Reiter: Der Körper passt sich bereits nach einigen Tagen an, dann kann man auch entsprechend effizient arbeiten. Aber der Umgang mit Werkzeugen, zum Beispiel mit Schraubenziehern und Schrauben, ist ohne die vertraute Gravitation schon gewöhnungsbedürftig.
SZ: Nervt das nicht ungemein, wenn dauernd irgendwelche Kleinteile davonschweben?
Reiter: Nein, das Arbeiten ist sogar sehr angenehm, genauso wie das Leben dort oben. Ich hatte auf der Mir keine Sekunde Langeweile, auch nicht nach sechs Monaten. Schließlich kann man bis zum letzten Moment den wunderschönen Ausblick auf die Erde und den Sternenhimmel genießen.
SZ: Und dann?
Reiter: Nach der Rückkehr zur Erde zahlt man erst einmal einen hohen Preis dafür. Der Körper, vor allem das Gleichgewichtssystem, braucht seine Zeit, um sich wieder an die Schwerkraft zu gewöhnen. Die ersten Stunden sind deshalb nicht ganz so lustig, aber nach einer Woche merkt man von diesen Effekten nichts mehr. Dann muss man nur noch daran arbeiten, die körperliche Leistungsfähigkeit wieder auf den Stand vor der Mission zu bringen.
SZ: Warum brauchen wir überhaupt die bemannte Raumfahrt?
Reiter: Es gibt eine Menge Forschungsgebiete, in denen die Präsenz des Menschen im Weltall erforderlich ist. Da ist natürlich die Humanmedizin, bei der der Mensch selbst zum Gegenstand der Forschung wird. Aber da sind auch all die Experimente, auf deren Ergebnisse man unmittelbar reagieren und Versuchsparameter ändern muss.
SZ: Geht das nicht auch mittels Fernsteuerung oder mit Robotern?
Reiter: Ja, aber nur zu einem bestimmten Prozentsatz. Bei jeder Mission kann es zu unvorhersehbaren Situationen kommen. Dann sind Menschen gefragt. Nur wir können flexibel auf solche Ereignisse reagieren, wir können intuitiv Probleme lösen, wir können improvisieren und Werkzeuge anders als ursprünglich geplant einsetzen. Das ist unheimlich wichtig, zumal auf der ISS nicht nur wissenschaftliche Forschung betrieben wird.
SZ: Sondern?
Reiter: Auf der Raumstation soll auch die Basis für Technologien und Verfahren gelegt werden, die letztlich für komplexere bemannte Missionen notwendig sind - zum Mond und auch zum Mars.
SZ: Gerade auf dem Mars leisten Sonden und Rover seit Jahren erstklassige Arbeit.
Reiter: Schon, aber es liegt einfach in der menschlichen Natur, neugierig zu sein und Dinge zu erkunden, die man noch nicht kennt. So wie Wissenschaftler in abstrakter Weise Antworten auf Fragen suchen, möchten andere Menschen aus erster Hand erfahren, wie es an unbekannten Orten aussieht und welche Möglichkeiten sich dort bieten.
SZ: Würden Sie gerne zum Mars fliegen?
Reiter: Auf jeden Fall, aber ich werde das wohl bestenfalls vom Fernsehsessel aus verfolgen können. Die Vorstellung allerdings, mit eigenen Füßen auf einem fremden Himmelskörper zu stehen, fasziniert mich ungemein.
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(SZ vom 10./11.06.06)
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak