Internet Wikipedias Meister

Er kennt fast jeden Käfer, versteht Sprachen wie Waray-Waray, ist Wikipedias produktivster Autor - und ein Computerprogramm. Mehr als 2,7 Millionen Einträge hat "lsjbot" dem Online-Lexikon bereits hinzugefügt.

Von Christoph Behrens und Johannes Boie

Im August, als viele der bei Wikipedia aktiven Beitragsschreiber am Strand lagen, lief ein einzelner Verfasser zur Hochform auf. Er schrieb über Abaraeus cuneatus, eine Käferart, erstmals beschrieben 1903, keine Unterarten, über Azteca subopaca, eine Ameise, 1899 entdeckt, über Abborrhåltjärnen, ein See in Schweden, 0,0825 Quadratkilometer groß. Von A wie Aades bis Z wie Zyzzyva fügte der Autor in einem einzigen Monat des vergangenen Jahres 216 664 Texte der schwedischen Wikipedia-Site hinzu, rund 7200 Artikel pro Tag. So viel schafft ein guter Journalist vielleicht in seinem ganzen Leben.

Der Erschaffer des Roboters verantwortet 8,5 Prozent aller Wikipedia-Einträge

Der Autor heißt "lsjbot" und ist kein Mensch, sondern ein Computerprogramm. Unermüdlich wie ein Roboter durchforstet die Software Datenbanken wie das offizielle Artenverzeichnis der Biologie, den "Catalogue of Life". Aus derlei Beständen trägt er in Millisekunden Fakten wie Entdecker, Verbreitung und Gattung zusammen, sucht geeignete Bilder dazu, strickt nach einer Schablone einen Text darum und veröffentlicht alles im Netz. Ein Mensch ist in diesem Prozess nicht mehr erforderlich.

Dank lsjbot ist so gut wie jede bekannte Lebensform, jedes noch so seltene Insekt im schwedischen Wikipedia aufgeführt. Zugleich ist der Software-Roboter im philippinischen Wikipedia in den Sprachen Cebuano und Waray-Waray bewandert. Dort schreibt er vor allem über kleine philippinische Orte, die in keinem Reiseführer stehen.

Kürzlich knackte lsjbot die Marke von 2,7 Millionen Texten. Sein Programmierer, der Schwede Sverker Johansson, kann damit in Anspruch nehmen, für 8,5 Prozent aller Wikipedia-Einträge weltweit verantwortlich zu sein, mehr als jeder andere Mensch. Johansson hat nach eigenen Angaben Universitätsabschlüsse in Linguistik, Ingenieurwesen, Wirtschaftswissenschaften und Teilchenphysik, auch Theologie habe er studiert. Der 53-Jährige unterrichtet an der Universität Jönköping, beschreibt sich aber selbst als "chronischen Studenten". Sein Hauptziel im Leben sei, "alles zu lernen".

Womöglich ist Johansson irgendwann klar geworden, dass dieses Ziel für Menschen, selbst für einen eifrigen Lerner wie ihn, unerreichbar ist. Vielleicht setzt er deshalb auf eine Software wie lsjbot, die seit nunmehr zwei Jahren das Wissen der Welt sammelt und bei wikipedia.se abliefert.

Viele menschliche Wikipedia-Autoren sehen den Einzug der Roboter allerdings skeptisch. "Die deutschsprachige Wikipedia-Community hat sich eindeutig gegen Bots ausgesprochen, die Artikel neu anlegen", sagt Jan Apel von der Wikimedia-Stiftung, der die Verwaltung der Enzyklopädie obliegt. Computergenerierte Texte nennen manche Autoren abschätzig Botikel.

So ganz frei von Roboter-Software ist indes auch das deutschsprachige Wikipedia nicht. Rund 63 Bots pflegen in der deutschen Ausgabe das menschliche Wissen - sie berichtigen fehlerhafte Links, ergänzen Bildinformationen, archivieren und sichern die Seite regelmäßig. In Tausenden Artikeln über Städte aktualisieren Bots zum Beispiel automatisch die Einwohnerzahlen. Sie erledigen den Kleinkram, dessen menschliche Autoren bei mittlerweile 1,7 Millionen Artikeln in deutscher Sprache nicht mehr Herr werden. Beim Saubermachen, Aufräumen und Sortieren sind die Roboter-Helfer hochwillkommen.