Infektionskrankheiten Mückenkrieg

In Brasilien übertragen Moskitos millionenfach das Dengue-Fieber. Neuerdings dienen die Insekten auch noch dem Zika-Virus als Vehikel.

Von Jan Schwenkenbecher

Agua gelada um real", verkündet der Mann auf dem Gehweg über seine Styroporbox hinweg. Gekühltes Wasser für ein Real, knapp 25 Cent. In der Mittagshitze kommt eine Frau mit Einkaufstaschen vorbei. Sie kauft, trinkt, geht weiter. Ein paar Schritte später ist die Flasche leer. Das Plastik wirft sie auf den Boden.

In der Millionenstadt Recife ist das normal. Abfalleimer gibt es nicht. Über den Tag sammeln sich regelrechte Müllberge auf den Gehwegen an. Am Abend kehren Männer in Uniformen den Dreck erst auf die Straße, dann in Lkws. Das Gröbste ist danach weg, doch alles schaffen sie nicht, können sie gar nicht. Und das ist nicht nur hässlich. Es ist auch gefährlich. Denn sobald es regnet, sammelt sich Wasser in den Joghurtbechern, Plastikflaschen, offenen Müllsäcken - Millionen Brutplätze für Aedes aegypti, die Gelbfiebermücke. Sie überträgt den Erreger des Dengue-Fiebers, auch Siebentage- oder Knochenbrecherfieber genannt. Im vergangenen Jahr hat Brasilien mehr als 1,5 Millionen Fälle der schweren Infektionserkrankung registriert - gut drei Mal so viel wie im Jahr zuvor. Und weil die Moskitos nicht nur diese eine Krankheit übertragen, sondern auch noch eine Reihe anderer Viren (siehe Kasten), herrscht in Brasilien jetzt Krieg. Krieg gegen die Mücken.Erst vor wenigen Wochen traf sich Präsidentin Dilma Roussef mit Gesundheitsexperten und örtlichen Behörden in Recife, um Pläne zu schmieden. Wie in einem realen modernen Krieg setzt die Regierung auf Technik. Kurz nach der Konferenz stieg in Jaboatao dos Guarapes, der kleinen Nachbarstadt von Recife, eine erste Mini-Drohne zwischen den Häusern empor. Der Quadrokopter flog zwischen 50 und 100 Meter hoch, um schließlich über die Dächer zu entschwinden. Die Patrouille hatte begonnen. 15 Tage lang kreisten Drohnen über den Dächern von Jaboatao, filmten und fotografierten. Nun werten Experten die Bilder aus, suchen nach riskanten Stellen. Das sind all jene, an denen sich Wasser sammeln kann, wenn der Regen kommt. Verstopfte Wellblechrinnen, offene Wasserkanister, Müll. Sind die Gefahrenherde ausgemacht, rücken Polizisten oder Soldaten an, klingeln und klopfen bis die Anwohner öffnen und die Gefahr beseitigen. Wenn niemand öffnet, hinterlassen die Behörden eine Notiz. 24 Stunden später haben sie das Recht, sich Zugang zum Haus zu verschaffen. Das ist die Kriegsstrategie. Im Namen der Gesundheit.

Auch in Recife ist die Armee im Einsatz. Als jüngst das katholische Fest Nossa Senhora da conceição stattfand, pilgerten mehrere Tausend Menschen aus ganz Brasilien in das Viertel Casa Amarela, empor zur Kapelle, um dort gemeinsam zu beten. Auf den Gassen herrschte enges Gedränge, auf dem Boden türmte sich der Müll. Ein Rinnsal aus Wasser und Urin kroch die Straßen hinab, sammelte sich in kleinen Becken. Ein Fest auch für die Mücken. Die Soldaten pflügten durch die Menge und sprühten Pestizide gegen die Mückenlarven in Pfützen und verstopften Abflüssen. Gerade hat das Gesundheitsministerium 17,9 Tonnen Larvengift in den Nord- und Südosten des Landes geliefert, genug, um neun Milliarden Liter Wasser zu vergiften. Insgesamt wurden 2015 schon 115 Tonnen im ganzen Land verteilt. Man versucht, die kommenden Generationen der Mücken zu töten, bevor sie schlüpfen.

Das Insekt lebt ungefähr einen Monat. Das reicht, um Hunderte Nachkommen zu produzieren

Es ist eine Sisyphos-Arbeit. Denn Aedes aegypti legt alle drei Tage etwa 40 Eier ab. Die Weibchen verteilen ihre Brut sogar auf verschiedene Gewässer. Geeignetes Wasser finden sie anhand chemischer Botenstoffe, sogenannter Kairomone, die von Mikroorganismen im Wasser produziert werden. Dabei sind die Moskitos wählerisch. Sauberes Wasser verschmähen sie, stattdessen bevorzugen die Mücken Wasser, das reich an Mikroorganismen ist. Bakterien kennzeichnen stehendes, nährstoffreiches Wasser. Ein besonders beliebter Platz für die Eiablage sind unter Wasser stehende Blumentöpfe und alte Blumenvasen. Nach knapp einer Woche schlüpfen die Insekten, insgesamt lebt Aedes aegypti etwa einen Monat. Zeit genug, um Hunderte Nachkommen zu produzieren.

Bekannt ist die nur wenige Millimeter lange Mücke in Brasilien schon seit 200 Jahren. Das Dengue-Fieber ist aber erst seit den 1980er-Jahren ein Problem. Gab es zuvor nur vereinzelte, lokale Ausbrüche, sprang die Zahl der Infektionen zwischen 1986 und 1987 plötzlich auf rund 92 000 Fälle. Seitdem breitet sich das Fieber immer weiter aus und wird auch nicht bei den zuletzt notierten 1,5 Millionen haltmachen. Weltweit gibt es nach WHO-Angaben jährlich schon gut 390 Millionen Dengue-Infektionen. Aber es drohen eben noch weitere Gefahren: Von den übrigen Viren, welche die Mücke überträgt, hat zuletzt vor allem der Zika-Erreger Aufsehen erregt. Das Virus steht im Verdacht, beim Ungeborenen eine Mikrozephalie auszulösen. Die Babys kommen mit einem unterentwickelten Gehirn zur Welt und sind geistig stark eingeschränkt. In Brasiliens Nordosten, wo dieses Jahr circa 96 Prozent aller brasilianischen Fälle von Mikrozephalie auftraten, wurden auch die meisten Zika-Infektionen registriert.

Virenboten Über die Gelbfiebermücke Aedes aegypti verbreiten sich Viren. Mit jedem Stich überträgt ihr Speichel die Infektion - von Tier zu Mensch, von Mensch zu Mensch. Die Mücke ist in vielen Teilen der Welt heimisch und gefährdet damit etwa die Hälfte aller Menschen. Abgeholzte Wälder und steigende Temperaturen haben das Verbreitungsgebiet von Mücken in den vergangenen Jahrzehnten stark vergrößert. Damit wächst das Infektionsrisiko für Menschen. Trotz des Gelbfiebers, von der die Mücke ihren Namen hat, ist sie für weitere Virusinfektionen empfänglich. Das Dengue-Fieber zählt mit bis zu 390 Millionen Fällen weltweit zu den häufigsten Infektionskrankheiten. Das aus Afrika und Asien stammende Chikungunya-Virus hat 2015 mehr als 600 000 Menschen infiziert. Erst in den vergangenen Jahren haben Forscher es ebenso wie das Zika-Virus in der Karibik nachgewiesen. Dengue, Zika und Gelbfieber werden allesamt von Flaviviren ausgelöst, Chikungunya hingegen ist ein sogenanntes Alphavirus. Alle Erkrankungen unterscheiden sich auf den ersten Blick kaum, da die infizierten Personen ähnliche Symptome zeigen. Nach einer Inkubationszeit von bis zu zwei Wochen nach dem Stich treten Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Ausschläge auf. Das Gelbfieber, das Dengue- und Chikungunya-Fieber gehören zudem zu den hämorrhagischen Fiebern: zu den typischen Fiebersymptomen können Blutungen hinzukommen. Gelbfieber führt jährlich zu etwa 200 000 Infektionen, die sich in ihrem Verlauf unterscheiden können. Die meisten Menschen leiden drei bis vier Tage an Fieber, Schmerzen und Übelkeit. Etwa 15 Prozent der Infizierten entwickeln eine schwerwiegende Form, die zu multiplem Organversagen führt. Dieser Krankheitsverlauf endet für bis die Hälfte der Betroffenen tödlich. Das Dengue-Fieber kann ebenfalls einen schweren Verlauf nehmen und lebensgefährlich sein. Eine Impfung gegen Dengue-Fieber gibt es erst seit Kurzem, gegen das Gelbfieber existiert sie bereits seit fast 80 Jahren. Medikamente lindern nach einer der vier Virusinfektionen lediglich die Beschwerden, bis das Immunsystem das Virus selber bekämpft hat. Daraus entsteht eine lebenslange Immunität, die im Fall von Dengue-Fieber allerdings nur für einen von vier Virustypen gilt. Eine Zweitinfektion mit einem anderen Typ ist weiterhin möglich. Mathias Tertilt

Das gefährlichere Virus bleibt jedoch der Dengue-Erreger. Die Lösung kann langfristig nur ein Impfstoff sein, der in zahlreichen Varianten bereits in Arbeit ist. Auch das staatliche Forschungsinstitut Butantan, der größte Impfstoff-Hersteller Brasiliens, forscht seit Jahren an einer Dengue-Impfung. Der aussichtsreichste Kandidat wurde in der sogenannten Phase zwei der klinischen Tests schon an einer etwas größeren Zahl von Probanden getestet. Für eine Zulassung muss die Phase drei belegen, dass der Impfstoff nicht nur verträglich, sondern auch wirksam ist. Innerhalb des nächsten Jahres sollen 17 000 Freiwillige aus ganz Brasilien an einer solchen Studie teilnehmen. Nach Angaben des Instituts wird der Impfstoff erst 2017 reif für den Markt sein.

Es gibt jedoch schon Alternativen: Anfang Dezember wurde ein Impfstoff des französischen Pharmariesen Sanofi-Aventis in Mexiko zugelassen. Auch Mexiko hat große Probleme mit dem Dengue-Fieber, im Jahr 2015 gab es knapp 25 000 bestätigte und mehr als 150 000 Verdachtsfälle. Kurz vor Weihnachten zogen die Philippinen nach, dort gab es dieses Jahr etwa 170 000 Verdachtsfälle. Insgesamt hat der Konzern die Zulassung in 20 Ländern beantragt. Am 28. Dezember ließ auch die brasilianische Behörde für Gesundheitsüberwachung den Impfstoff Dengvaxia zu. Das Mittel schütze vor allen vier bekannten Dengue-Typen. Der Schutz beträgt mutmaßlich 60 Prozent, darauf deuten die bisherigen Studien. Für Kinder unter neun Jahren gibt es derzeit aber noch nicht genügend Daten zur Verträglichkeit.

Gerade diese Altersgruppe ist aber besonders stark vom Virus betroffen. Jonas Schmidt-Chanasit, Professor für Virologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, weist außerdem darauf hin, dass der Impfstoff "nicht gegen alle vier Serotypen gleich gut" schütze. Zudem sind insgesamt drei Impfungen nötig, in jeweils halbjährlichem Abstand. Bis ein Impfling bestmöglich geschützt ist, vergeht also mindestens ein Jahr. Und fest steht bislang nur: "Der Impfstoff ist sicher", sagt Schmidt-Chanasit. "Ob er wirklich hilfreich und in sinnvoller Weise wirksam ist, muss sich noch zeigen. Die bisher publizierten Studien lassen leider keine endgültigen Schlussfolgerungen zu." Auch die WHO prüft den Impfstoff derzeit, sie will im April Stellung beziehen.

Wirksamkeit ist aber nicht die erste Hürde, die das Vakzin in Brasilien nehmen muss: Die Entscheidung, ob das Produkt letztlich zum Impfschutz eingesetzt wird, hängt nicht von der Zulassungsbehörde, sondern vom Gesundheitsministerium ab. Dort freut man sich zwar über die Zulassung des Impfstoffs, wartet aber noch auf die Festlegung des Preises. "Sanofi hat Milliarden investiert, die müssen jetzt wieder eingenommen werden", sagt Schmidt-Chanasit. Ob die Schutzimpfung kostenlos verteilt werden kann, ist mehr als offen.

Im vergangenen Jahr wurden in Brasilien 115 Tonnen Pestizide versprüht, um das Dengue-Fieber zu bekämpfen.

(Foto: Lonely Planet/Getty Images)

Der Aufklärungs-Clip auf Youtube wurde nur 234-mal angeschaut

Der französische Pharmakonzern hat unterdessen damit begonnen, den Impfstoff zu produzieren. In Neuville-sur-Saône, nahe Lyon steht bereits eine 300 Millionen Euro teure Fabrik, in der das Unternehmen ab 2016 jährlich 100 Millionen Dosen des Impfstoffs produzieren will. "So soll die Nachfrage verschiedener Länder bedient werden", sagt Eleonora Leone, zuständige Pressesprecherin für den lateinamerikanischen Raum. "Wir schätzen, dass erste Impfungen in Brasilien bis zum zweiten Quartal 2016 verfügbar sind."

Die genannten Probleme zeigen, dass der Krieg gegen die Mücken noch dauern wird. "Wir sind noch weit davon entfernt den Kampf gegen Dengue zu gewinnen", sagt Schmidt-Chanasit. Mehr noch als Drohnen und Militär erweisen sich dabei Worte als wirkungsvolle Waffe. Denn das größte Problem bleibt, wie so oft, die Unwissenheit. In den Abendnachrichten erklären daher nun Moderatoren, was zu tun ist, damit die Mücken keine Brutplätze finden. Zeitungen veröffentlichen "10 Tipps gegen Dengue". Und das Gesundheitsministerium lanciert Aufklärungs-Spots im Fernsehen und auf Youtube. Jetzt müssten die Informationen die Menschen nur noch wirklich erreichen. Der Youtube-Clip der Regierung wurde in einer Woche nur 234-mal angeschaut. Auf den Straßen schieben die Imbissverkäufer unterdessen ihrer Konkurrenz und deren Essen die Schuld an der Dengue-Epidemie zu.

Wenn die Leute nicht zu den Informationen kommen, muss der Staat die Informationen also zu den Leuten bringen. In Recife luden die Gesundheitsbehörden jüngst zur Informationsveranstaltung "Mythos und Wahrheit" ein. Seit Tagen streift die Armee durch die Stadt, läuft mit den Bürgern durch Wohnung und Garten, zeigt, wo die Mücken brüten können. In Jaboatao zogen Mitte Dezember 12 000 Schulkinder gemeinsam mit Gesundheitsexperten durch gefährdete Viertel, räumten auf und erklärten den Anwohnern, dass sich in einem alten Autoreifen Wasser ansammelt und dass Mülltüten verschlossen werden müssen. Der Krieg dauert an. Ob Worte ihn gewinnen können, bleibt offen.