Von W. Bartens

In Deutschland ist ein Leiden aufgetreten, das allenfalls Historikern gut bekannt ist: 20 Menschen erkrankten an Kuhpocken - nach Kontakt mit Ratten.

Schweine- und Vogelgrippe sind nicht die einzigen Erkrankungen, die von Tieren auf Menschen übertragen werden. Ärzte aus Krefeld berichten im Deutschen Ärzteblatt von diesem Freitag von einem seltenen Leiden - der Infektion mit Kuhpocken (Bd.19, S.329, 2009).

Ratte, dpa

Man mag sie possierlich finden, doch als Haustiere sind Ratten bedenklich. (© Foto: dpa)

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Im Raum Krefeld kam es im vergangenen Jahr zu mehreren Erkrankungen. Dabei sind Kuhpocken in Europa im 20. Jahrhundert bisher erst in weniger als 200 Fällen registriert worden. Übertragen werden sie offenbar nur noch selten durch Kühe, sondern durch infizierte Katzen, die sich wiederum an Nagern anstecken. Die Krefelder Patienten erkrankten nach Kontakt mit weißen Farbratten (Rattus norvegicus forma domestica). Von Liebhabern werden die Tiere auch "Großmaus" oder "Schmuseratte" genannt.

Die Patienten klagten über geschwollene Hautgeschwüre am Rumpf, manche hatten Fieber und Husten bekommen. Bei einem 17-Jährigen entwickelte sich eine schwere Augeninfektion, da die Viren von einer Wunde an seinem Bauch auf die Augen übertragen wurden.

Die Erkrankten hatten kurz zuvor weiße Ratten gekauft oder gestreichelt. Die Tiere waren bald an einem Atemwegsinfekt erkrankt, einige trotz Behandlung durch den Tierarzt gestorben. Da kaum ein Arzt das Leiden kennt, waren die erkrankten Menschen mit Antibiotika behandelt worden, was gegen die durch Viren ausgelösten Kuhpocken nicht half.

Kuhpocken sind Medizinhistorikern wohl besser bekannt als Ärzten. Der englische Landarzt Edward Jenner übertrug dem achtjährigen James Phipps im Mai 1796 Kuhpocken aus den offenen Hautstellen einer infizierten Milchmagd. Er ritzte die eitrigen Sekrete in den Arm des Jungen, der daraufhin Fieber bekam und sich schlecht fühlte, aber schnell wieder gesund wurde.

Kuhpocken sind für Menschen nicht so gefährlich wie Pocken, gleichen sich aber in ihrer Struktur. Gegen die Pocken war James Phipps fortan immun. Jenner hatte gezeigt, wie wirksam eine Impfung sein konnte; nach dem lateinischen Begriff für Kuh (Vacca) bezeichnete er sie als Vakzination.

Mittlerweile sind mehr als 20 Kuhpockenfälle aus Deutschland bestätigt worden. Da allein der Großhändler, der die Zoohandlungen im Raum Krefeld beliefert, von einem Züchter 1500 Ratten pro Woche bezieht, rechnen die Ärzte damit, dass die seltene Erkrankung in Zukunft häufiger auftritt.

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(SZ vom 08.05.2009/beu)