Hygienemängel in Kliniken 30.000 Tote jährlich

Mediziner warnen, dass die Infektionsgefahr in Krankenhäusern viel größer ist als bislang bekannt. Das kommt der Regierung ungelegen. Denn ihr Gesetzentwurf zur besseren Krankenhaushygiene ist der Opposition schon jetzt zu lasch.

Von Markus C. Schulte von Drach

30.000 Patienten sterben angeblich jedes Jahr an Infektionen, die sie sich in deutschen Krankenhäusern, Rehabilitationskliniken oder in Praxen für ambulante Operationen zugezogen haben. Das geht aus einer Stellungnahme deutscher Medizinerorganisationen hervor. Gerichtet ist das Papier an den Gesundheitsausschuss des Bundestages, der heute über ein neues Gesetz diskutiert, mit dessen Hilfe die Infektionsgefahr in Krankenhäusern verringert werden soll.

Die Bundesregierung geht von etwa 400.000 bis 600.000 Fällen jährlich aus, in denen Patienten an Krankenhausinfektionen erkranken und von denen 7500 bis 15.000 sterben. "Ein Teil der Infektionen und Todesfälle", so heißt es im Gesetzentwurf der Fraktionen von CDU/CSU und FDP, "ist durch geeignete Präventionsmaßnahmen vermeidbar".

Hier stimmen Mediziner und die Opposition im Bundestag der Regierung zwar zu. Doch die Situation ist möglicherweise erheblich dramatischer als es das Gesundheitsministeriums darstellt.

"Wir haben die Studien zu den Infektionen nachgecheckt", erklärt Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH). "Unserer Einschätzung nach infizieren sich von den etwa 18 Millionen Patienten in Deutschland mindestens vier Prozent, also 720.000 Menschen, im Krankenhaus mit Keimen. Wir vermuten, dass es sogar eher fünf Prozent sind. Das wären 900.000 Infektionen."

Die Zahl der Todesfälle, so warnt die DGKH gemeinsam mit der Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) sowie dem Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), liegt demnach doppelt so hoch wie bislang angegeben.

Die unterschiedlichen Zahlen erklären die Organisationen vor allem damit, dass die Bundesregierung sich noch immer auf eine Studie aus den neunziger Jahren beruft, der zufolge sich jährlich unter nur 15 Millionen im Krankenhaus behandelten Personen lediglich 3,5 Prozent infizierten. Die daraus berechneten Zahlen "sind auch im internationalen Vergleich als extrem niedrig einzustufen und entsprechen [...] sicherlich nicht der tatsächlichen Prävalenz nosokomialer (das heißt im Rahmen von medizinischen Behandlungen erfolgten, Anm. d. Red.) Infektionen", schreiben die Experten in ihrer Stellungnahme. Darüberhinaus müssten auch Infektionen berücksichtigt werden, die in Rehabilitationskliniken, in Praxen für ambulante Operationen oder bei der Versorgung von Patienten im häuslichen Umfeld erworben werden.

Treffen die jetzt vorgestellten Zahlen zu, so ist die Situation in den Krankenhäusern noch deutlich schlimmer als bislang bekannt.

Dabei hatte das schwarz-gelbe Kabinett bereits in dem im März vorgestellten Gesetzentwurf erklärt: "Die Zahl der nosokomialen Infektionen, insbesondere mit resistenten Erregern soll unter anderem durch bessere Einhaltung von Hygieneregeln und eine sachgerechte Verordnung von Antibiotika sowie die Berücksichtigung von sektorenübergreifenden Präventionsansätzen gesenkt werden." Qualität und Transparenz der Hygiene in medizinischen Einrichtungen sollten gestärkt werden. Wenigstens 20 bis 30 Prozent der Infektionen - und somit auch der daraus resultierenden Behandlungskosten - will die Regierung mit der Änderung des Infektionsschutzgesetzes vermeiden.

Derzeit existieren Krankenhaushygieneverordnungen, die für eine bessere Hygieneschulung des Personals sorgen sollen, nur in den Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Nordrhein-Westfalen, Saarland und Sachsen. Das will Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ändern. Sein Gesetzentwurf soll alle Länder verpflichten, schärfere Regeln zur Klinikhygiene zu erlassen. Doch der Entwurf geht Opposition und vielen Medizinern nicht weit genug. So fordern die Grünen, dass Bund und Länder eine einheitliche Regelung finden - auch für jene Bereiche, die sonst in der Kompetenz der Länder liegen. Auch wollen sie stationäre Einrichtungen dazu verpflichten, Risikopatienten bereits vor der Aufnahme zu screenen. Die Sozialdemokraten betonen, dass mehr Fachpersonal für Hygiene und Vorbeugung gebraucht werde, um sicherzustellen, dass Leitlinien und Standards zur Bekämpfung der Keime auch effektiv eingesetzt werden können. Das fordern auch DGKH, GHUP und BVÖGD.

Und die Linken wünschen sich eine Meldepflicht für Infektionen mit multiresistenten Keimen sowie die Möglichkeit für die Gesundheitsämter, Verstöße gegen die Richtlinien zu bestrafen. Sowohl Grüne als auch die Linke fordern darüber hinaus, dass Antibiotika in der Tierhaltung auf das tiermedizinische Maß beschränkt wird, um eine weitere Zunahme resistenter Erreger zu verhindern.

Angesichts des zu erwartenden Fachkräftemangels empfiehlt die Initiative Infektionsschutz mehr Lehrstühle für Hygiene an den deutschen Universitäten. Im Augenblick existieren in Deutschland nur noch sechs Lehrstühle.

Bakterien, die insbesondere durch den falschen Einsatz von Antibiotika resistent geworden sind, stellen eines der größten Infektionsprobleme dar. So lassen sich etwa 20 Prozent der Staphylokokken in Deutschland mit Antibiotika kaum noch bekämpfen. Es kommt zu Lungen-, Harnwegs- und Wundinfektionen oder Blutvergiftungen. Schon die leichte Infektion einer Operationswunde kann zur lebensgefährlichen Bedrohung werden.

Verbreitet werden die Keime von Patient zu Patient vor allem über Ärzte und Pfleger, die sich, so der Vorwurf, nicht an die Grundsätze des sauberen Arbeitens halten. Im Klinikalltag ist es schon wegen des Personal- und Zeitmangels allerdings extrem schwierig, sich zum Beispiel ausreichend die Hände zu desinfizieren.