Infektionskrankheiten Cholera von Nepal nach Haiti eingeschleppt

Fast 5000 Menschen sind auf Haiti inzwischen an der Cholera gestorben - eingeschleppt wurde der Erreger offenbar von Menschen, die eigentlich gekommen waren, um zu helfen: UN-Friedenssoldaten aus Nepal.

Von Martin Enserink

Sie kamen nach Haiti mit den besten Absichten, aber sie haben Tod und Verderben mitgebracht. UN-Friedenssoldaten aus Nepal sind offenbar tatsächlich die Quelle der verheerenden Cholera-Epidemie, die Haiti in den Monaten nach dem Erdbeben traf, besagt ein dringend erwarteter Bericht eines unabhängigen Komitees. Fast 5000 Menschen sind an der Krankheit bisher gestorben, und ein Ende der Epidemie ist nicht in Sicht.

Der Report, den die vier Mitglieder des Komitees vor kurzem an UN-Generalsekretär Ban Ki Moon übergeben haben, räumt mit der Vermutung auf, Choleraerreger hätten im Flusssystem der Inselrepublik auf günstige Bedingungen gewartet. Genetische Studien verorten die Quelle des Erregers in Südasien.

Die Untersuchung hat Probleme mit und Fehler in den sanitären Anlagen der drei Feldlager aufgedeckt, die von der UN-Mission Minustah in Haiti unterhalten wird. Die Autoren weisen aber niemandem Schuld zu; sie sagen, es gebe keinen Anhaltspunkt, dass einer der nepalesischen Soldaten akut an Cholera erkrankt sei. Die Katastrophe hätte schon mit einem einzigen Träger beginnen können, der keine Krankheitssymptome hatte, die Bakterien aber mit seinem Stuhl ausschied, sagt Alejandro Cravioto vom Internationalen Zentrum für Durchfallerkrankungen in Dhaka, Bangladesch, der das Komitee geleitet hat.

Das Gremium hat einige genetische Analysen ausgewertet, darunter unveröffentlichte Studien. Sie besagen, dass der Vibrio-cholerae-Typ, der bei den Opfern in Haiti isoliert wurde, aus Südasien stammt und an einem einzigen Punkt in die Umwelt gelangte. Die Fachleute haben bei Recherchen im Land erkannt, dass die Krankheit in der Stadt Mirebalais ausgebrochen ist und sich innerhalb von wenigen Tagen entlang des Artibonite verbreitete, Haitis größtem Fluss. Er dient seinen Anwohnern als Quelle für Trinkwasser, zur Bewässerung ihrer Felder, zum Baden, Waschen und den Kinder zum Spielen.

Ein Besuch im Feldlager Mirebalais zeigte den Experten, dass die Minustah ein Grundprinzip der Seuchenprävention verletzt hatte: Abwasser und Trinkwasser strikt zu trennen. Aus den Toiletten flossen die Fäkalien in große Fiberglastanks, aber bei den Rohren hatten die Erbauer gepfuscht. So konnte womöglich infiziertes Abwasser herausfließen und in einen Graben gelangen, der das Camp durchzieht.

Außerdem hat offenbar ein lokaler Unternehmer, der die Tanks zweimal pro Woche leerte, ihren Inhalt in eine offene Grube auf einem nahe gelegenen Hügel gekippt. Sie nahm auch das Abwasser von zwei anderen nepalesischen Lagern auf - und floss bei Regen über. Bei ihrem Besuch in Haiti sahen die Mitglieder der Untersuchungskommission dort Kinder spielen.

Der französische Epidemiologe Renaud Piarroux hingegen, den die Regierung von Haiti um eine Analyse gebeten hatte, macht Minustah schwere Vorwürfe. Seiner Meinung nach hat es im Lager der Nepalesen in Mirebalais einen großen Cholera-Ausbruch gegeben, wie er in der Fachzeitschrift Emerging Infectious Diseases schreibt. Bis zu 1000 Liter kontaminierter Fäkalien seien in lokale Wasserläufe geleitet worden, die Leitung des Camps habe aber aller Welt erklärt, bei ihnen sei alles in Ordnung.

Piarrouxs Verdacht ergibt sich aus dem Verlauf der Epidemie. Im Delta des Artibonite erkrankten in wenigen Tagen einige tausend Menschen, danach ließ die Rate der Erkrankungen stark nach. Nur eine massive, einmalige Freisetzung infektiöser Fäkalien, die vom Fluss weitergespült wurden, könne dieses Muster erklären. Eine einfache Hochrechnung bringt den Epidemiologen zu dem Ergebnis, dass mehr als 100 Billionen Bakterien freigesetzt wurden. Das wiederum bedeute, dass Dutzende, vielleicht sogar Hunderte Friedenssoldaten akute Cholera hatten. "Was an diesem Fluss passiert ist, habe ich bei all meiner Erfahrung mit Cholera noch nie irgendwo anders gesehen", sagt Piarroux.

Cravioto, der den Bericht an die UN verantwortet, widerspricht. Es sieht keinen Anhaltspunkt, den Aussagen von Minustah zu misstrauen. Die medizinischen Aufzeichnungen enthielten keinen Hinweis auf akute Cholera-Fälle, sagt er, und "wir haben auch keine herausgerissenen Seiten gesehen". Eine Komitee-Kollegin, die Wasserbauingenieurin Daniele Lantagne von der Harvard University, ergänzt, die Bakterien hätten sich womöglich in der Grube vermehren können - die später überfloss. Und selbst diese Freisetzung von Bakterien hätte ihrer Ansicht nach das Desaster nicht auslösen können, wären nicht Haitis schlechte Infrastrukur und der Salzgehalt des Artibonite-Deltas hinzugekommen, die Cholera-Bakterien begünstigen.

Aber auch die Arbeit des Komitees bleibt nicht ohne Kritik. Der Cholera-Experte Matthew Waldor von der Harvard University moniert, der Bericht kläre nicht vollständig auf, was zu Anfang der Epidemie geschah. "Es gibt immer noch wissenschaftliche Fragen, warum die Ausbreitung so schnell passierte", sagt er. Gerne würde er einen Vergleich des gesamten Erbguts der Bakterienstämme sehen, die auf Haiti und bei einem Ausbruch in der nepalesischen Hauptstadt Kathmandu isoliert wurden - dieser geschah im September 2010, kurz bevor die Soldaten nach Haiti abreisten.

Der Verdacht, dass beide Vorfälle zusammenhängen, hat vor Monaten gewalttätige Proteste in Haiti ausgelöst. Der Bericht besagt allerdings, dass der Ausbruch "nicht die Schuld oder die Folge von bewussten Handlungen einer Gruppe oder eines Individuums" war. Aber eine Reihe von Schutzmaßnahmen für zukünftige Einsätze werden von der Kommission angeregt. UN-Stützpunkte sollten stets ihre eigene Kläranlagen bekommen, damit sie sich nicht auf fragwürdige lokale Dienstleister verlassen müssen. Mitarbeiter aus Ländern mit endemischer Cholera sollten auf die Krankheit untersucht werden oder vorsorglich Antibiotika nehmen.

Diese Vorschläge sind nicht neu; etliche Wissenschaftler haben sie schon als ineffektiv und unpraktikabel kritisiert. Cravioto hält die Probleme hingegen für nicht so groß. Die UN und ihr Generalsekretär Ban Ki Moon haben erst einmal ein neues Komitee eingesetzt, das die Umsetzung der Vorschläge prüfen soll.

Dieser Text ist in Science erschienen, dem internationalen Wissenschaftsmagazin, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.sciencemag.org, www.aaas. org, Dt. Bearbeitung: cris