Kinder die in ihrem ersten Lebensjahr ausgiebig auf dem Bauernhof mit den Kühen und Schweinen in Kontakt kommen, haben weniger Allergien. Wird es bald eine Schmutzimpfung geben?
Eine neue Studie im Fachmagazin The Lancet bestätigt die Vermutung, dass frühzeitige Herausforderung dem Immunsystem gut tut.
Je mehr Kontakt mit dem Vieh, desto weniger Allergien. (© surfmed)
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Die deutsch-österreichisch-schweizerische Forschergruppe ALEX (Allergie und Endotoxine) hat in den vergangenen Jahren insgesamt über 10.000 Kinder untersucht.
Sie fanden heraus, dass die bei Landkindern ohnehin niedrigere Erkrankungsrate an Allergien und Asthma bei den Kindern, die auf einem Bauernhof aufwachsen, noch deutlich niedriger ist als bei ihren Altersgenossen, deren Eltern keine Landwirtschaft betreiben.
Schwangere in den Kuhstall
Die drei Arbeitsgruppen in Basel (um Charlotte Braun-Fahrlander), in Salzburg (um Josef Riedler) und in München (um Erika von Mutius) hatten schon länger vermutet, dass der Kontakt zu Stall und Vieh eine entscheidende Rolle spielen könnte.
Die Ergebnisse bestätigen jetzt den Verdacht.Kamen Kinder im ersten Lebensjahr häufig in Kontakt mit dem Viehstall und bekamen sie Milch von eben diesem Vieh, reduzierte sich ihr Risiko für Allergien und Asthma um 75 Prozent gegenüber dem landesüblichen Schnitt.
Sogar das Verhalten der Mutter während der Schwangerschaft scheint nach den Zahlen der Forschergruppen einen Einfluss zu haben. Waren die Mütter der Kinder während der Schwangerschaft täglich im Kuhstall gewesen, ging das Risiko noch weiter zurück.
Unter diesen Kindern war bis zum dritten Lebensjahr kein einziges an Asthma erkrankt. Im Vergleich mit allen anderen hatten sie auch bis zum fünften Lebensjahr die niedrigsten Raten bei Heuschnupfen und anderen allergischen Reaktionen, wenn sie die gesamten fünf Jahren dieser intensiven "Landluft" ausgesetzt waren.
Auf der Suche nach dem "Impfstoff"
Auf der Suche nach dem Stoff, der das Immunsystem aktiviert und trainiert, der also eine Arte natürliche "Schmutzimpfung" bewirken könnte, durchstöberten die Wissenschaftler in mühsamer Kleinarbeit hunderte Bauernhöfe.
Sie nahmen Proben der Stallluft, kratzten an den Boxen der Kühe, untersuchten die Luft im Kinderzimmer und gingen sogar an die Bettwäsche der Bauern.
Diese Beute mit unzähligen darin enthaltenen Mikropartikeln wurde daraufhin in den Labors genau analysiert. Die Ergebnisse ihrer Spurensuche hatte das Forscherteam bereits im Mai auf dem Allergologenkongress präsentiert. In der Veröffentlichung im Lancet sind sie allerdings nicht aufgeführt.
Je mehr, desto besser
Als Hauptverdächtige machten sie die so genannten Lipopolysaccharide (LPS) aus. Das sind Bestandteile in der Membran der äußeren Zellwände von Bakterien, die zum Beispiel im Viehmist häufig vorkommen.
LPS stimulieren das Immunsystem besonders stark. Da sie sich in der Umgebungsluft verteilen, ist ihre Konzentration zum Beispiel in den Matratzen der Betten gut zu messen.
Hier zeigte sich ebenfalls ein starker Zusammenhang zwischen der LPS-Konzentration in der Umgebung und dem Allergieschutz der Kinder. Je mehr desto besser.
Bis zur echten Schmutzimpfung ist es noch weit
Im Lancet zeigen sich die Autoren über den möglichen "Impfstoff" nicht so sicher. Der Mechanismus, der zum Schutz vor Allergien und Asthma führt, sei unbekannt.
Sie ziehen verschiedene Komponenten wie Zellwand-Moleküle oder auch bestimmte Bestandteile der Bakterien-DNA als mögliche Auslöser in Betracht. Diese könnten sowohl über die Atemluft als auch über rohe Kuhmilch in den Körper gelangen.
Bereits auf der Tagung hatte Erika Mutius erklärt: "Wir wissen nun, dass die ersten drei Lebensjahre bei der Entstehung von Allergien entscheidend sind und das Immunsystem in seiner Reifung beeinflusst wird." Der Schritt diese Erkenntnisse therapeutisch nutzbar zu machen sei aber leider noch recht groß.
Denkbar wäre zwar eine Art Schmutzimpfung mit den tatsächlich wirksamen Bakterienbestandteile, aber das wird wohl noch dauern.
Unser Verständnis des Immunsystems sei leider noch zu klein, um alle Folgen abzusehen. "Eine gewisse Dosis Mist", so Mutius, "schadet aber auf keinen Fall."
Quelle: surfmed
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