Senioren Keine Angst vor der alten Gesellschaft

Die Sorge vor den Folgen einer immer älteren Bevölkerung ist vermutlich übertrieben. Denn nicht das Verhältnis von Jungen und Alten ist relevant, sondern das von Gesunden und Kranken.

Von Katrin Blawat

Führt die Alterung der Gesellschaft ins finanzielle und gesellschaftliche Chaos? Zahlen, die dies plausibel erscheinen lassen, liefern Statistiker seit langem.

Doch sei die bisherige Methode, um die Alterung der Gesellschaft zu beschreiben, irreführend und nicht mehr zeitgemäß, kritisieren Warren Sanderson von der Stony Brook University in New York und Sergei Scherbov vom Wiener Institut für Demografie (Science, Bd.329, S.1287, 2010).

Die Wissenschaftler schlagen daher eine neue Messgröße vor, die ihrer Ansicht nach eher die tatsächliche Situation und Entwicklung widerspiegelt, und kommen damit zu viel weniger dramatischen Ergebnissen.

Die bislang übliche Messgröße ist der sogenannte Altenquotient. Er gibt das Zahlenverhältnis der über 65-Jährigen zu den Menschen im erwerbstätigen Alter (zwischen 15 oder 20 und 64 Jahren) an.

Je höher der Wert, umso größer ist der Anteil der über 65-Jährigen an der Gesamtbevölkerung - und umso größer ist das Problem, wer diese Menschen versorgen soll. Nach Ansicht der Autoren führt der Altenquotient jedoch zu einem falschen Eindruck: Ältere Menschen bleiben heute länger gesund und übernehmen oft noch Jobs oder kümmern sich ihrerseits um Mitmenschen.

Als künftige Messgröße schlagen Sanderson und Scherbov daher den "Adult Disability Dependency Ratio" (ADDR) vor. Dieser Quotient beschreibt das Zahlenverhältnis der über 20-Jährigen mit gesundheitlichen Einschränkungen zu Menschen über 20 ohne gesundheitliche Beeinträchtigungen. Der ADDR berücksichtigt also statt des Alters den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Die Zahlen zur Berechnung des neuen Quotienten liefert eine EU-weite Erhebung zu Einkommen und Lebensbedingungen.

Abhängig davon, welchen Quotienten man heranzieht, ändert sich das Bild erheblich. Derzeit liegt der Altenquotient den Autoren zufolge in Deutschland bei 33: Auf 100 Personen im erwerbsfähigen Alter kommen 33 Menschen im Rentenalter. Bis 2050 werde sich diese Zahl nahezu verdoppeln, dann stehen 100 Menschen im Erwerbsalter 63 Menschen im Rentenalter gegenüber. Ähnliche Zahlen nennt auch das Statistische Bundesamt.

Betrachtet man den neuen Quotienten, klingen die Werte weniger besorgniserregend: Auf 100 Menschen ohne Aktivitäts-Einschränkungen kommen heute zwölf Menschen mit solchen. Bis 2050 wird sich das Verhältnis nur leicht auf 100 zu 15 verschieben. "Die Alterung der Bevölkerung wird vielfältige Herausforderungen darstellen", schreiben Sanderson und Scherbov. "Es gibt aber keinen Grund, diese durch Fehl-Messungen zu übertreiben."