Ig-Nobelpreise Das Gesetz des Knutschens

Küssen reduziert Hautreizungen - nur eine von zehn von der Stiftung "Improbable Research" ausgezeichneten Erkenntnissen

(Foto: imago/Westend61)

Küssen beruhigt die Haut, Eier kann man wieder weich kochen und Temposchwellen helfen bei der Diagnose von Blinddarmentzündungen: In Harvard wurden ganz besondere Nobelpreise verliehen.

Von Jan Hellmut Schwenkenbecher

Welcome, welcome. Mit dieser wohl kürzesten Rede beginnt die Verleihung der Ig-Nobelpreise im Sanders Theatre der renommierten Universität Harvard. Die Stiftung "Improbable Research" ehrt Forscher, die mit ihrer Arbeit erst zum Lachen, dann zum Nachdenken anregen. Ziel der nicht ganz erstgemeinten Veranstaltung sei es, die Neugier zu beflügeln, und die Frage zu stellen: Wie entscheidet man eigentlich, was wichtig ist und was nicht, in der Wissenschaft und überhaupt?

Die Verleihung der "Anti-Nobelpreise" fand nun zum 25. Mal statt, tatsächliche Nobelpreisträger vergaben die Auszeichnungen: So ging der Ig-Chemiepreis an ein amerikanisch-australisches Forscherteam für eine Prozedur, die gefaltete Proteine wieder entfaltet. Damit können die Forscher hart gekochte Eier wieder weich machen, zumindest das Eiweiß. Wer also das nächste Mal das Klingeln der Eieruhr verschläft, kann im Fachjournal ChemBioChem nachlesen, wie er die Zeit zurückdrehen kann.

Die siegreichen Physiker protokollierten im Zoo, wie viel Zeit Säugetiere wie Elefanten, Schweine, Ratten und Ziegen für das Urinieren brauchen. Wie die Forscher mithilfe von High-Speed-Kameras herausfanden, pinkeln mehr als drei Kilo schwere Säugetiere mit einem Strahl. Tiere, die weniger als ein Kilo wiegen, geben den Urin in Tröpfchen ab. Zudem brauchen alle Säugetiere mit einem Gewicht von mehr als drei Kilogramm etwa 21 Sekunden, um ihre Blase zu entleeren. Diese Gesetzmäßigkeit tauften die Physiker "Law of Urination". Die Dankesrede der Preisträger wurde jäh mit einem schrillen "Please stop, I'm bored" unterbrochen. Wie üblich achtete eine Achtjährige darauf, dass die Gewinner ihre festgelegte Redezeit von höchstens einer Minute nicht überschritten. Wenn doch, fiel sie ihnen gnadenlos ins Wort.

"Hä?" - das wichtigste Wort der Welt

Ob es ein Wort gibt, das alle Menschen auf der ganzen Welt verstehen? Ja, es lautet: "Hä?" Wie drei Forscher vom Max-Planck-Institut für Psycholinguistik in Nijmegen (Niederlande) zeigten, gibt es den Ausdruck in gesprochenen Sprachen auf der ganzen Welt, wenn man etwas nicht verstanden hat. Ein universelles Schmiermittel der Kommunikation also. Nachdem das gezeigt war, mussten die Forscher auf der Bühne nur noch erklären, dass "Hä?" auch tatsächlich ein Wort ist - das schafften sie mit der Begründung, es handele sich um einen lexikalischen Ausdruck, dessen Verwendung erlernt werden müsse. Voilà: Ig-Nobelpreis für Literatur.

Nicht alle Preisträger erscheinen persönlich zur Vergabe, fern blieb etwa die Polizei von Bangkok, Sieger in der Kategorie Ökonomie. Die Polizei hatte ein innovatives Konzept gegen Bestechung erdacht: Unbestechliche Polizisten bekommen zusätzliches Geld. Da die Gewinner den Preis nicht abholten, entging ihnen auch das Preisgeld in Höhe von zehn Billionen Dollar. Simbabwe-Dollar.

Wie zeugt man 1171 Kinder in 30 Jahren?

Auch ein Deutscher war dieses Jahr unter den Preisträgern. So berechnete der Mathematiker Karl Grammer mit seiner österreichischen Kollegin Elisabeth Oberzaucher, wie Mulai Ismail der Blutige zu seinen Lebzeiten in 30 Jahren angeblich 888 Kinder zeugte. Die soll der Sultan der bis heute in Marokko regierenden Alawiden-Dynastie im 17. und 18. Jahrhundert mit vier Frauen und 500 Konkubinen gehabt haben. Da die von den Konkubinen geborenen Töchter bei der Geburt erdrosselt wurden, gingen die zwei Forscher sogar von 1171 Kindern aus. Wie Oberzaucher in der Dankesrede erklärte, errechnete ein Computermodell, dass Mulai Ismail in 32 Jahren jeden Tag im Schnitt eineinhalb Mal Sex gehabt haben musste - das wären insgesamt 17 526 ... Please stop, I'm bored!

Etwas romantischer der Preis in der Kategorie Medizin: 30-minütiges Küssen in einem abgeschlossenen Raum bei sanfter Musik reduziert Hautreizungen, befand ein japanischer Forscher. Außerdem lässt sich die männliche DNA im weiblichen Mund noch bis zu 60 Minuten nach der Knutscherei ausfindig machen.

Schmerzskala für Insektenstiche

Ein britisches Team widmete seine Forschung Blinddarmentzündungen. Besteht der Verdacht auf eine solche, untersucht man Patienten in der Regel per Ultraschall oder Computertomografie. Diese Methoden liefern allerdings keine hundertprozentige Sicherheit, das Team um Helen Ashdown fand daher einen neuen Ansatz mit Temposchwellen, die auf öffentlichen Straßen zur Drosselung der Geschwindigkeit verwendet werden. Wertet man aus, wie viel Schmerz es Personen bereitet, über diese hinwegzufahren, könne man drei von vier Blinddarmentzündungen erkennen. Das brachte den Preis für Medizindiagnostik ein. Zur allgemeinen Beruhigung wurden die Studienteilnehmer befragt, nachdem sie im Krankenhaus angekommen waren, es wurde also niemandem vorsätzlich Leid zugefügt.

Das können die Gewinner der Kategorie Physiologie und Insektenkunde nicht behaupten. Der US-Insektenforscher Justin Schmidt entwickelte mit dem "Schmidt Sting Pain Index" eine Skala für den Schmerz nach einem Insektenstich. Schmidt wurde nach eigenen Angaben in seinem Leben von mehr als 150 Insektenarten gestochen. Michael Smith von der Cornell University untersuchte, wo am Körper Insektenstiche wie stark schmerzen. Dazu ließ er sich tagelang an 25 verschiedenen Stellen stechen. Zumindest konnte er die Stellen ausmachen, wo Stiche nicht besonders wehtun (Schädel, Spitze des mittleren Zehs, Oberarm) und wo sie am schmerzhaftesten sind (Penis, Nasenloch, Oberlippe).

So kurz wie die Eröffnungsrede sind übrigens auch die Schlussworte der Ig-Zeremonie: Goodbye, goodbye!

Weitere Preise: