Hypnosetherapie Die Anliegen der Hypnose-Patienten

Und genau darin liegt der Zweck der eingangs beschriebenen Übung. Ist das Erleben des Patienten durch ein Ritual wie die unwillkürliche Armbewegung nachweislich in die andere Wirklichkeit verschoben, lassen sich darin positive Erfahrungen sammeln und neue, heilsame Bedeutungen lernen: der genussvolle Griff zur Zigarette, der angstbesetzte Anblick großer Hunde - ja sogar der reale Schmerz beim Zahnarzt wird unter Hypnose durch alternatives Erleben ersetzt.

(Foto: SZ-Wissen)

So konnte der Stuttgarter Zahnarzt und Hypnotherapeut Albrecht Schmierer einem Patienten in einer Sitzung drei Weisheitszähne ziehen - ohne Betäubung. Die Journalistin hat ein kleineres, gleichwohl persönliches Problem mitgebracht für die Trance-Recherche: ihr Lampenfieber als Klarinettistin im Orchester, den oft stockenden Atem vor Publikum.

Mit ähnlichen Anliegen wenden sich viele Menschen an Ortwin Meiss, zum Beispiel Sportler, die bei Wettkämpfen unter Niveau bleiben oder leitende Angestellte, denen bei Präsentationen die Nerven flattern.

Intensive bildliche Eindrücke

Nach dem Eingangsritual lenkt Meiss die Gedanken also aufs Musikspiel: "Ich möchte, dass Sie neugierig sind, welche Situation Ihnen kommt, in der Sie richtig gut Klarinette spielen. Schauen Sie, wie Sie das tun, wenn sie ganz auf die Musik konzentriert sind. Nur das ist Ihre Aufgabe: die Musik zum Leben und das Instrument zum Schwingen zu bringen. Alle Fehler können Sie wegschieben zu den anderen. Sollen die sich damit beschäftigen. Sie können sich Platz schaffen. Je schwieriger die Leute sind, desto mehr können Sie sie beiseiteschieben."

Tatsächlich entstehen Bilder vor Augen: eine Art Arena ist da, an deren Rand sich schemenhafte Schattenfiguren zurückziehen, so weit, bis sich eine Sandfläche auftut. Gleichzeitig stellt sich ein Gefühl der Stärke ein. Wie intensiv bildliche Eindrücke in Trance wirken, zeigte der Harvard-Psychologe Stephen Kosslyn, indem er hypnotisierten Probanden suggerierte, dass sie eine graue Vorlage farbig und eine farbige Vorlage grau sehen.

Die gleiche Aufgabe stellte er ihnen auch ohne Hypnose. Bei beiden Tests maß er die Hirnaktivitäten mit PET und stellte fest: Nur unter Hypnose regten sich Netzwerke im Gyrus fusiformis des Sehzentrums der linken Hirnhälfte, das eigentlich für die Abbildung der realen Welt zuständig ist.

Ob Bilder oder Klänge, "was unter Hypnose erlebt wird, empfindet man nicht als bloße Vorstellung, sondern als reales Geschehen", erläutert der Hypnotherapeut Burkhard Peter. Im Fall des Klarinettenspiels soll die Probandin daher auf ihre Trancebilder zurückgreifen können wie auf eine tatsächliche Erinnerung, daran, wie es war, als sie das Lampenfieber besiegte.

Diese Realitätstreue der Halluzination steht für ihre Heilkraft. Doch wie kann es sein, dass sich ein kritisches Hirn dermaßen in die Irre führen lässt? Dass das halluzinierte Empfinden sogar stärker wird als Schmerzen beim Zahnarzt ?

Schnittstelle im Gehirn

Wie kam es, dass Probanden in Trance im Labor des kanadischen Neuroforschers Pierre Rainville, heißes Wasser erst dann als unangenehm empfanden, wenn er ihnen die korrekte Temperatur suggerierte? Sie folgten seinen Worten, aber nicht dem eigenen Empfinden, das offenbar abgeschnitten war von einer Hirnregion, die es normalerweise sinnvoll verarbeitet.

Einen solchen Einschnitt in der Hirnarbeitsweise Hypnotisierter fand vor wenigen Jahren John Gruzelier, Neuroforscher am Londoner Goldsmiths College: Die Aktivitäten des anterioren cingulären Cortex (ACC) und des lateralen frontalen Cortex (LFC) waren voneinander entkoppelt - mit anderen Worten: Der ACC, eine Schnittstelle zwischen Verstand, Sinneswahrnehmung und Motorik, die eine wichtige Rolle für Aufmerksamkeit, Gefühle und affektive Sinnesreizbewertung spielt, folgte offenbar der Regie des Hypnotiseurs, nicht aber der hirneigenen Chefetage.

Dort wird normalerweise das leitende Interesse an jeweiligen Umgebungen und Situationen vorformuliert, was den Wust eingehender Sinnesinformationen in jeder Alltagssekunde ordnet und filtert. Überlässt sich der Patient jedoch mit all seinen aktuellen Erwartungen dem Hypnotiseur, kann dieser diktieren, was und wie etwas erlebt werden soll.

"Das tut der Patient aber nur, wenn er dem Therapeuten voll vertraut und sich von ihm Hilfe erhofft", sagt der Bochumer Psychotherapeut HansChristian Kossak. "Gegen den eigenen Willen kann man nicht hypnotisiert werden."