Hurrikan "Joaquin" Warum europäische Wettervorhersagen genauer sind

Knapp vorbei: Entgegen der amerikanischen Prognosen traf Hurrikan Joaquin nicht auf die Küste der USA.

(Foto: NASA/AFP)
  • Dass Hurrikan Joaquin kurz vor der Küste nach Osten abdreht, wussten die Amerikaner nicht - die Europäer schon.
  • Seit Jahren sind die Wetterprognosen am Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) besser als die der Kollegen aus Übersee.
  • Das liegt nicht nur an besseren Computern, auch der Mensch spielt bei den Prognosen eine entscheidende Rolle.
Von Andreas Frey

Viel hätte nicht gefehlt, und die Ostküste der USA wäre von einem verheerenden Hurrikan getroffen worden. Lange sah es so aus, als ob das als Joaquin benannte Ungetüm zwischen Virginia und Massachusetts mit voller Wucht auf Land trifft, die Küsten meterhoch überschwemmt - und schlimmer wütet als Sandy vor drei Jahren in New York. Doch dann drehte der Sturm nach Osten ab. Niemand musste in Sicherheit gebracht werden, keine Dächer flogen weg, keine Stromnetze brachen zusammen. Allerdings kämpfen die Menschen in North und South Carolina mit einem Starkregen, wie er nur etwa alle 1000 Jahre vorkommt.

Heftiger Regen geht auch über den amerikanischen Meteorologen nieder - es regnet Kritik. Die einheimischen Wetterprognosen hatten schließlich vorausgesehen, dass Joaquin auf die Küste trifft, allen voran das Global Forecast System (GFS) des National Weather Service. Nur das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage (EZMW) in Reading bei London hatte die ganze Zeit den Schwenk nach Osten vorhergesagt. Das erinnert die amerikanischen Wetterkundler schmerzlich an 2012. Damals sahen nur die Europäer voraus, dass Sandy einen linken Haken Richtung Küste schlagen würde, während das GFS Entwarnung gab. Der Atmosphärenforscher Cliff Mass von der University of Washington sagte jetzt der New York Times, das amerikanische Modell sei "klar schlechter".

Viele Wetter-Apps nehmen die schlechteren Daten - weil sie kostenlos sind

Dabei geht es weniger um Nationalstolz und Neid zwischen Wetterexperten als vielmehr um das Wohl eines ganzen Landes. "Selbst kleine Fehler in der Modellierung können für die Gesellschaft fatal sein", sagt der Ozeanograf Mojib Latif von der Universität Kiel. Hätten sich die amerikanischen Behörden vor drei Jahren einzig auf das eigene Modell verlassen, wer weiß, ob die Bundesstaaten New Jersey und New York so gut auf Sandy vorbereitet gewesen wären. Und generell schätzen alle Meteorologen die Tatsache, dass die internationalen Wettermodelle nicht immer das gleiche Resultat liefern: Bei einem Sturm wie Joaquin, der Spitzenböen bis 250 Kilometer pro Stunde erreichte, möchte man auch entfernte Möglichkeiten kennen. Der Hurrikan hat nun auf den Bahamas und Bermuda Verwüstungen angerichtet. Er war der stärkste Wirbelsturm im Atlantik seit Igor vor fünf Jahren.

Mojib Latif schätzt das EZMW allerdings tatsächlich als das momentan beste Wettermodell der Welt ein. Damit ist er nicht allein. Janek Zimmer vom privaten Anbieter kachelmannwetter.com bestätigt, dass die Kollegen in Reading seit vielen Jahren "gut abschneiden" und im Durchschnitt bessere Ergebnisse liefern als vergleichbare Modelle. Man bewerte solche Prognosen in erster Linie danach, ob die vorhergesagte Luftdruckverteilung auch wirklich eintreffe. Ob also das Sturmtief auch so zieht, wie es ziehen soll.

Da GFS-Daten allerdings kostenlos verfügbar sind, greifen viele App-Entwickler einzig auf das amerikanische Produkt zurück. Deshalb zeigen die Programme auf Smartphones auch nur das an, was die amerikanischen Rechner ausspucken. Und das ist oft schon nach wenigen Tagen Murks.

"Der schlimmste Regen seit 1000 Jahren"

mehr... Bilder

Ob die Europäer ihren Vorsprung halten, ist ungewiss: Es gibt Streit um den nächsten Supercomputer

Die hervorragende Prognosegüte des europäischen Modells bestätigt auch der schwedische Meteorologe und Klimaforscher Lennart Bengtsson, der das EZMW bis 1990 leitete. Das sei nicht nur seine private Meinung, sondern auch das Ergebnis unabhängiger Evaluierung. "Ein Hauptgrund ist, dass das EZMW die verfügbaren Messdaten besser nutzt und sie sehr sorgfältig modelliert", sagt er. So sei beispielsweise die Auflösung höher. Zudem verfüge Reading über eine enorme Rechnerkapazität und über sehr fähige Meteorologen mit jahrzehntelanger Erfahrung.

Das zeigt: Der Faktor Mensch in der Wettervorhersage ist immer noch groß. Messdaten und schnelle Rechner allein reichen nicht. Man muss die Messungen auch richtig interpretieren und gewichten können - und natürlich wissen, wie man die Supercomputer richtig füttert, damit sie eine sehr gute Vorhersage liefern.

Der Klimatologe Eigil Kaas vom Niels-Bohr-Institut in Kopenhagen sieht genau darin die Stärke des europäischen Modells. Allerdings sei dessen Zukunft ungewiss. Wie jeder Wetterdienst braucht das EZMW alle paar Jahre neue Rechner. Doch wie das Upgrade finanziert werden soll, darüber seien sich die 21 Mitgliedsstaaten uneins, sagt Kaas. "Wie es scheint, gibt es besonders zwischen einigen der großen Wetterdienste in Europa wenig Übereinstimmung darüber, wie das Institut künftig finanziert werden soll."