Alles ist Wechselwirkung: Zum 150. Todestag Alexander von Humboldts streitet Romanist Ottmar Ette für die Entprovinzialisierung - und rennt offene Türen ein.
Im Jahr, in dem er sechzig werden sollte, brach Alexander von Humboldt nach Russland auf, um endlich auch Asien zu bereisen. Er hatte dies lange gewünscht, von einer sibirischen Reise bereits 1793 geträumt, aber das Vorhaben immer wieder aufschieben müssen.
Wissenschaftsverständnis aus Wechselwirkung und Bewegung: Naturforscher Alexander von Humboldt (© Foto: dpa)
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Nun, 1829, waren die Umstände komfortabel. Als Kammerherr Friedrich Wilhelms III. fuhr er - mit Halt auf 658 Poststationen und zuletzt 12244 Pferden - durchs Reich des Zaren Nikolaus, der mit der ältesten Tochter des preußischen Königs vermählt war. Den Mächten der Reaktion musste sich, wenn er nicht ganz auf die Reise verzichten wollte, auch ein Humboldt anbequemen.
Dass er es tat, wird man ihm nicht vorwerfen wollen, dass er eine höhere Vernunft für seine Anpassung in Anspruch nahm, der Unterwerfung noch Girlanden flocht, das verstört. Zumindest passt es nicht recht zum lichten Bild vom liberalen Kosmopoliten.
So schrieb Humboldt aus Jekaterinburg, dass er sich "auf die todte Natur beschränken" und alles vermeiden wolle, "was sich auf Menschen-Einrichtungen, Verhältnisse der untern Volksklassen bezieht: was Fremde, der Sprache unkundige, darüber in die Welt bringen, ist immer gewagt, unrichtig und bei einer so komplicirten Maschine, als die Verhältnisse und einmal erworbenen Rechte der höhern Stände und die Pflichten der untern darbieten, aufreizend ohne auf irgend eine Weise zu nüzen!"
Gerade der Blick auf Natur und Kultur, geologische wie menschliche Verhältnisse hatte ihn ausgezeichnet, zum Ruhm seiner Berichte aus der Neuen Welt beigetragen. Diesmal nahm er sich offiziell zurück.
Es sind allerdings auch die Briefe von der russischen Reise reich an Zeugnissen des unvoreingenommenen Blicks und aufgeklärter Spottlust. Aus Narva etwa hatte er seinem Bruder Wilhelm Ende April 1829 mitgeteilt, dass er seit sechzehn Tagen unterwegs sei und "alle Gräuel der Winterlandschaft" genieße.
Ein neues Berlin
Die Landschaft habe sich kaum verändert. Es sei "die Gegend des Oranienburger Thores, welche sich mit liebenswürdiger Einförmigkeit nun schon 200 Meilen weit gegen N.O. ausdehnt. Das charakteristischste dieser Unnatur, was ich gesehen, ist die Nährung, auf der wir 4 - 5 Tage lang gelebt , 5 Muscheln und 3 Lichenen gefunden.
Wenn Schinkel dort einige Backsteine zusammenkleben liesse, wenn ein Montagsclub, ein Circel von kunstliebenden Judendemoiselles und eine Akademie auf jenen mit Gestrüppe bewachsenen Sandsteppen eingerichtet würden, so fehlte nichts, um ein neues Berlin zu bilden, ja, ich würde die neue Schöpfung vorziehen, denn die Sonne habe ich herrlich auf der Nährung sich in das Meer tauschen sehen. Dazu spricht man dort, wie du weisst, rein Sanscrito, lithauisch."
Die Briefstelle ist nicht nur ein hübsches Beispiel des Berliner Salontons, mit dem Alexander wie Wilhelm aufgewachsen sind. Der Einfall, ein neues Berlin am Kurischen Haff erstehen zu lassen, zeigt auch ein literarisches Verfahren, dessen sich Humboldt gern bediente: Er überblendet verschiedene Landschaften, zeichnet dem, was ihm vor Augen steht, die Umrisse anderer Gegenden ein.
Auf diese Weise wird er die gesamte russische Reise in seinen amerikanischen Erfahrungen spiegeln, Asien und Amerika überblenden und so ein eigentümliches Schweben über der Empirie erreichen, dem Hier und Jetzt hingegeben, aber nicht verfallen. Manchmal schnurrt das zur Pointe zusammen: "Ganz Sibirien ist eine Fortsetzung unserer Hasenheide".
Aber das Verfahren der Überblendung ist bei einem stilbewussten und seinen Stil vielfach bedenkenden Autor wie Alexander von Humboldt mehr als eine Marotte. Der Romanist Ottmar Ette deutet es als Ausdruck einer einzigartig innovativen Wissenschaftskonzeption: Humboldt erzeuge ein "Oszillieren, in dem das Hier, und sei es auch nur für einen kurzen Augen-Blick, zum Dort, zum Woanders wird: Ici est un autre".
Es dürfte schwer werden, jemanden zu finden, der die Schriften Humboldts besser kennt als Ette. Er hat mehrere von ihnen herausgegeben und in diesem Jubeljahr die "Kritische Untersuchung zur Historischen Entwicklung der geographischen Kenntnisse von der Neuen Welt" - 1834 bis 1838 als Examen critique erschienen - mustergültig ediert.
Der Text liegt vollständig und in ordentlicher Übersetzung vor, neben dem "Geographischen und physischen Atlas der Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents", findet man hier auch den "Unsichtbaren Atlas" sämtlicher von Humboldt im Examen critique erwähnter und analysierter Karten - eine Schatztruhe der Wissenschaftsgeschichte.
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- Alexander von Humboldt Der forschende Baron 06.05.2009
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