Human Brain Project Harte Landung auf dem Weg zur Weltspitze

Solche Kappen liefern Einsichten in die Arbeitsweise des Gehirns. Aber das Denkorgan am Computer nachbauen? Viele zweifeln, dass das geht.

(Foto: Michaela Rehle/Reuters)
  • Mit mehr als einer Milliarde Euro unterstützt die EU das Human Brain Project (HBP) zur Erforschung des menschlichen Gehirns. Ziel ist es, Europa direkt an die Weltspitze der Neurowissenschaft zu bringen.
  • Von Anfang an kritisierten zahlreiche teilnehmende Forscher den Leiter des Projekts, Henry Markram, wegen undemokratischer Führungsstrukturen.
  • Ein Bericht eines Expertenrates der EU-Kommission dämpft außerdem die Erwartungen an das Forschungsprojekt.
Von Philipp Hummel

Jeweils mehr als eine Milliarde Euro hat die EU im vergangenen Jahr für zwei herausragende Forschungsprojekte zugesagt. Eines der beiden war das Human Brain Project (HBP), das das menschliche Gehirn im Computer nachbauen will. Mit dem größten Betrag, den die EU je für einzelne Forschungsvorhaben verteilt hat, will Europa direkt an die Weltspitze der Neurowissenschaft gelangen. 112 Institute aus 24 Ländern sind beteiligt, unter Führung des Hirnforschers Henry Markram von der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL). Doch schon bald nach der Bekanntgabe kam es zum Streit, ein Mediationsteam wurde eingesetzt. Am Montag haben die Schlichter nun ihre Ergebnisse dem Direktorium des Projekts übergeben.

Das HBP sollte mit Supercomputern, Datenbanken und Software-Werkzeugen zu bahnbrechenden Erkenntnissen gelangen. Das Ziel: eine Simulation des menschlichen Gehirns im Computer, von den molekularbiologischen Bausteinen bis hin zum menschlichen Verhalten. Zugleich wollte man in den zehn Projektjahren ein besseres Verständnis von Krankheiten wie Parkinson und Alzheimer erreichen.

Doch viele Neurowissenschaftler hielten diese Vision von Beginn an für illusorisch. Und Henry Markram gilt zwar als guter Vermarkter seiner Forschung, ist aber als Leiter des Projekts umstritten. Nachdem die HBP-Führung im Mai 2014 ein Teilprojekt der kognitiven Neuroforschung strich - sie untersucht Denkprozesse und Bewusstsein -, schrieben 150 Neurowissenschaftler einen offenen Brief an die EU-Kommission. Sie protestierten darin gegen den Kurs der HBP-Führung und drohten mit Boykott. Hunderte weitere Forscher unterzeichneten. Seit September 2014 versucht Wolfgang Marquardt, Vorstandsvorsitzender des Forschungszentrums Jülich, zu vermitteln.

Der Bericht der Schlichter erscheint nun fast zeitgleich mit einem weiteren brisanten Papier: Am Freitag hatte ein Expertenrat der EU-Kommission eine Zusammenfassung des ersten HBP-Jahresberichts veröffentlicht. So ein Bericht ist zwar bei den EU-Flaggschiff-Projekten üblich, aber durch den Konflikt gewinnt er stark an Bedeutung - umso mehr, als die Kritik darin ungewohnt deutlich ist.

Comeback für die kognitiven Neurowissenschaften

Die EU-Experten und die Schlichter um Marquardt kommen im Kern zu ähnlichen Ergebnissen: Beide verlangen eine Demokratisierung der Führungsstrukturen. Die Mediatoren wollen Markrams EPFL entmachten. An ihre Stelle soll ein Konsortium aus fünf über Europa verteilten Institutionen Ansprechpartner für die EU-Kommission sein. Fernziel ist eine europäische Forschungseinrichtung in den Neurowissenschaften nach Vorbild etwa des Cern. Auch sollen die kognitiven Neurowissenschaften nach ihrem Rauswurf ein Comeback erleben. Sie sollen nun die Grundlagenforschung der Teilbereiche des HBP miteinander verknüpfen und die neu entwickelten Computermodelle und Werkzeuge testen, finanziert mit mindestens zehn Prozent des Forschungsetats.

Rebellion gegen das Milliardenhirn

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Auch die EU-Experten sehen diese Summe für die kognitive Neuroforschung vor. Im ersten Satz ihrer Zusammenfassung bestätigen sie zwar die "gute Qualität der Arbeit" des HBP-Konsortiums. Von da an folgen aber Verbesserungswünsche. So bemängeln die Experten, das HBP entwickle sich "nicht mit dem zu erwartenden Maß an Verflechtung". Sie fordern eine Taskforce, die die Teilprojekte besser untereinander und mit den sechs Technologie-Plattformen in Bereichen wie Supercomputing, medizinische Informatik oder Neurorobotik vernetzen soll.

Außerdem soll eine Management-Einheit entwickelt werden, damit die Neuro-Community die IT-Entwicklungen im Projekt kennenlernt, annimmt und als Werkzeuge nutzt. All das soll "schnellstmöglich" passieren, spätestens bis Juni will die EU-Kommission Veränderungen sehen. Auch müsse eine neue Kultur der "realistischen Kommunikation" etabliert werden. Die EU-Experten fordern außerdem, "um jeden Preis" zu verhindern, dass zu hohe Erwartungen geweckt werden.

Das Human Brain Project hat bereits vor der offiziellen Veröffentlichung der Berichte reagiert. Am 3. März teilte das Konsortium eine Änderung seiner Führungsstruktur mit. Künftig werde das gesamte, 22 Mitglieder zählende Direktorium entscheiden statt allein das dreiköpfige Exekutiv-Komitee um Markram. Drei neue Arbeitsgruppen sollen sich konkret um die Umsetzung der Wünsche der EU-Experten und der Schlichter kümmern. Viel Zeit bleibt indes nicht, um das ramponierte Flaggschiff wieder seetüchtig zu machen: Der überarbeitete Plan für den Rest der Projektlaufzeit sollte ursprünglich bis Mai fertig sein.