Homöopathie Die Globuli des Herrn Lauterbach

Darf die Krankenkasse für Homöopathie zahlen, wenn ihr Nutzen nicht erwiesen ist? Diese Debatte lenkt von den eigentlichen Problemen ab.

Ein Kommentar von Nina von Hardenberg

Der Mensch hat einen natürlichen Drang, zwischen zwei getrennten Ereignissen einen kausalen Zusammenhang herzustellen. Gibt man ihm eine Tablette, und er fühlt sich hinterher besser, so wird er annehmen, dass die Tablette der Grund für die Besserung war. Beim nächsten Mal wird die Tablette sogar noch besser wirken, weil er diesen Effekt schon erwartet, was wiederum die Genesung fördert.

Globuli enthalten eigentlich keinen Wirkstoff und ein Nutzen ist wissenschaftlich nicht belegt. Trotzdem sind viele Menschen überzeugt davon, dass die homöopathischen Mittelchen helfen. Sie sollten aber nicht erwarten, dass jemand anderes für die Behandlung bezahlt als sie selbst.

(Foto: dpa)

Ähnliche Kräfte sind wohl auch bei der Homöopathie am Wirken: Viele Menschen schätzen sie und spüren auch tatsächlich eine Wirkung. Wen stört es da, dass einige der Tropfen und runden Kügelchen gar keine messbare Menge eines Wirkstoffs enthalten? Jeder muss selbst wissen, was ihm hilft, wenn er sich elend fühlt. Nur darf er nicht erwarten, dass jemand anderes dafür bezahlt.

Krankenkassen sollen für Medikamente aufkommen, deren Nutzen wissenschaftlich erwiesen ist. Dieses Prinzip hat Gesundheitsminister Philipp Rösler mit der aktuellen Reform noch einmal bestärkt. Nur so lassen sich die ständig ausufernden Kosten für Arzneimittel im Griff halten. Die Kassen verweigern darum zu Recht in den meisten Fällen die Übernahme der Kosten für die homöopathischen Mittel mit ihren bis zur Unkenntlichkeit verdünnten Substanzen.

Allerdings nützen einige Kassen die Homöopathie als Werbe-Gag. Sie bieten gegen Extrazahlung spezielle Wahltarife an, in denen auch das von vielen Patienten zu Recht geschätzte, ausführliche Gespräch mit dem Homöopathen erstattet wird. Die Homöopathie ist dann ein Markenzeichen der Kasse, so wie eine andere etwa die Akupunktur bezahlt. Das ist in Ordnung, denn es ist Teil des erwünschten Wettbewerbs zwischen den Kassen, und es bietet den Kunden Wahlfreiheit.

Der Vorschlag des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, homöopathische Mittel gar nicht mehr zu erstatten, ist schon deshalb Unfug, weil die Krankenkassen damit kaum entlastet würden. Die Deutschen geben viel Geld für Arzneimittel aus, doch der Anteil, den die Kassen für Homöopathie aufwenden, beträgt wenige Promille dieser Kosten. Lauterbach spricht also über Schnupfen, obwohl das Gesundheitssystem an einer bedrohlichen Krankheit leidet. Er führt eine Scheindebatte.

Das ist schlimm. Denn im Gegensatz zu der Homöopathie, die vielleicht nicht wirkt, aber zumindest auch keine Nebenwirkungen hat, kann Lauterbachs Diskussion tatsächlich schaden. Denn die Frage, ob die Deutschen zu viele Globuli essen, lenkt von den wirklich wichtigen Themen ab: von den echten Kostentreibern unter den Arzneimitteln etwa, den neuen patentgeschützten Medikamenten, die oft wenig neuen Nutzen bringen und die Kassen enorm belasten. Und sie lenkt ab vom wichtigen Kampf des Gesundheitsministers, der sich mit der Pharmabranche anlegt, um ihr Preisdiktat zu brechen. Sollte Röslers Reform hier Erfolg zeigen, kann sich Deutschland getrost noch einige Globuli leisten.