In Deutschland hat die Zahl der Neuinfektionen mit Aids-Virus wieder zugenommen.
(SZ vom 25.3.2004) - Infektionen mit dem Aidserreger HIV haben im vergangenen Jahr erneut zugenommen. Vor allem bei homosexuellen Männern mache sich in Deutschland zum Teil eine gefährliche Sorglosigkeit breit, warnten Experten des Robert Koch-Instituts (RKI) und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung am gestrigen Mittwoch in Berlin. 1950 HIV-Erstdiagnosen wurden dem RKI im Jahr 2003 gemeldet. 2002 waren es 1716. Mehr als 40 Prozent der 2003 gezählten Diagnosen betreffen homosexuelle Männer.
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Es sei die höchste Zahl von Neuinfektionen seit zehn Jahren, erklärte der Aidsexperte des RKI, Osamah Hamouda. Parallel dazu hätten sich homosexuelle Männer vermehrt mit Syphilis infiziert. Diese Tendenz zeigt sich vor allem in den Großstädten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt/Main.
Trend zur Nachlässigkeit
Mitverantwortlich für die neue Sorglosigkeit macht RKI-Präsident Kurth die Werbung für Aidsmedikamente. "Attraktive, vitale Männer in Schwulenmagazinen vermitteln den Eindruck, Aids sei kein Problem mehr", so Kurth. "Das ist gefährlich." Aids sei nach wie vor nicht heilbar, betonte er. Aber auch bei Heterosexuellen stellten die Forscher einen Trend zur Nachlässigkeit fest: Demnach verzichten Singles unter 45 vor allem in riskanten Situationen auf Kondome. Unter Menschen mit vielen Sexualpartnern schützen sich nach eigenen Angaben 78 Prozent, beim Urlaubsflirt nutzen nur 73 Prozent Kondome - jeweils rund fünf Prozent weniger als 2001. Entsprechendes zeigt sich auch in den Absatzzahlen der Kondomhersteller: Im Jahr 2000 verkauften sie 207 Millionen Kondome, 2003 waren es 189 Millionen.
Resistente Virusstämme
"Infizierte und Risikopersonen sehen ihr Leben häufig nicht mehr unmittelbar bedroht", stellt der Oberarzt der Aids-Ambulanz im Berliner Virchow Klinikum, Dirk Schürmann fest. So sinke in der Szene die Angst, sich anzustecken und auch Infizierte verzichteten vermehrt auf Schutz. Sie vermuten, dank der Therapie weniger infektiös zu sein, da Aids-Medikamente die Viruslast im Blut senken. Doch könne von der Konzentration im Blut nicht ohne weiteres auf das Sperma geschlossen werden, sagt RKI-Experte Hamouda.
Zudem sind die Viren in der Lage, durch Mutationen aus dem medikamentösen Haltegriff zu entwischen. Tatsächlich ist ein großer Teil der jüngeren Neuinfektionen auf bereits resistente Virenstämme zurückzuführen. Das bedeutet zum einen, dass sie von einem Behandelten weitergegeben wurden. Zudem hat der damit Infizierte das Problem, das bei ihm die Medikamente auf widerstandsfähige Erreger stoßen.
In Deutschland lebten Ende 2003 nach Einschätzung des RKI rund 43000 Menschen mit HIV/Aids, darunter etwa 33500 Männer, rund 9500 Frauen und weniger als 400 Kinder. Diese Zahlen steigen stetig, weil die Behandlungsmöglichkeiten die Überlebensspanne verlängern. Bei rund 5000 Menschen brach die Krankheit im Jahr 2003 aus, 600 starben daran.
Großprojekte in Berlin