Hitzewelle in den Städten Urbanes Tropenfieber

Ein großer Teil der Menschen wohnt in Städten, in Deutschland sind es schon jetzt drei Viertel der Bevölkerung. Abkühlung ist da oft schwer zu finden.

(Foto: Markus Schreiber/AP)

In den deutschen Metropolen können die Temperaturen um bis zu zwölf Grad höher sein als im Umland - die Folge einer falschen Stadtplanung.

Von Jan Heidtmann

Glaubt man dem Regisseur Ridley Scott, ist die Stadt der Zukunft ein ziemlich scheußlicher Ort. In seinem mehr als dreißig Jahre alten Science-Fiction-Klassiker "Blade Runner" zeichnet er das Los Angeles von 2019 als eine düstere, unwirtliche und vor allem regnerische Stadt. Wahr ist daran, dass die Städte künftig tatsächlich zunehmend unwirtlich werden. Das hat aber weniger mit dem Regen als vielmehr mit der Hitze zu tun.

Schweißtreibend

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Schon heute werden die größeren Städte von der Wissenschaft als Wärmeinseln beschrieben. Was das heißt, ist in diesen Tagen von Hamburg über Köln und Frankfurt bis nach München am eigenen Leib zu spüren. Bis zu zwölf Grad höher können die Temperaturen hier im Vergleich zum Umland liegen. Die Gründe dafür sind vielfältig: Umweltverschmutzung; Autos und Häuser, die Wärme abgeben; Gebäude, die den Luftdurchzug verstellen; Asphalt, der verhindert, dass Regenwasser einsickern und wieder verdunsten kann. Gleichzeitig speichern Straßen und Häuser die Hitze, die sie nach Sonnenuntergang wieder ausstrahlen. Tropennächte mitten in Deutschland sind die Folge.

"Hitzestress" für Mitteleuropa

Bereits 1819 wusste der Apotheker Luke Howard um die besonderen klimatischen Bedingungen urbaner Zentren, "The Climate of London" heißt sein zweibändiges Werk. Doch ernsthaft untersucht wird das so genannte Stadtklima erst seit rund 20 Jahren; inzwischen ist es zu einem bedeutsamen Zweig der Klimawissenschaften gewachsen. Denn schon heute wohnt ein großer Teil der Menschen in Städten, in Deutschland sind es drei Viertel der Bevölkerung, 2050 wird das weltweit so sein. Dadurch haben die Metropolen selbst erhebliche Auswirkungen auf den Klimawandel. Und dessen Folgen sind in Städten wiederum wesentlich stärker zu spüren. In Mitteleuropa bedeutet das: mehr milde Winter und trockene, heiße Sommer. Dann werden auch die Leipziger und Stuttgarter unter dem "Hitzestress" zu leiden haben, der eher aus südeuropäischen Städten wie Athen oder Rom bekannt ist.

Um das zu verhindern, werden Deutschlands Städte zunehmend klimatologisch ausgeforscht - ein langwieriger Prozess, denn "das Ganze ist sehr komplex", wie Bodo Ruck, Professor am Karlsruher Institut für Technologie, sagt. Jedes größere Gebäude erzeugt sein eigenes Mikroklima, abhängig zum Beispiel von der Abwärme, den Windverhältnissen und der Menge an Schatten, das es spendet. Spektakuläre Bauten wie das Tree House in Singapur mit einem vertikalen Garten oder der "Bosco Verticale" in der Mailänder Innenstadt setzen genau dort an. In Deutschland aber sind es dann doch eher die Balkonpflanzen, die das Stadtbild bestimmen. "Dabei können schon ein paar Bäume oder Sträucher in der Fassade das Gebäudeklima verändern", sagt Ruck. Allein das Efeu an den Mauern älterer Häuser nehme über die Hälfte der Sonneneinstrahlung auf.

Abseits der vielen Klimainseln kann das Stadtklima direkt beeinflusst werden. Breite Schneisen wie Flüsse oder ausgedehnte Wiesen sorgen für Durchzug, große Wasserflächen für Verdunstung. Wegen seiner vielen brachen Flächen hat Berlin damit einen Vorteil gegenüber sehr dicht bebauten Städten wie München oder auch Köln. So empörten sich auch die Klimaforscher als ausgerechnet die selbsternannte "Green City" Freiburg vor knapp zehn Jahren den zentralen Platz der Alten Synagoge "urbaner" gestalten wollten. Sie errechneten, dass die gefühlte Temperatur in den Sommermonaten durch den Umbau um bis zu zehn Grad steigen werde. Wenig später plante die Stadt um, mehr Bäume und weniger Gebäude sollen das Klima nun retten.

Solche Debatten werden sich kaum wiederholen, inzwischen setzen sich alle größeren Städte in Deutschland mit ihrem Klima auseinander. Denn was jetzt geplant und gebaut wird, wird vermutlich noch in ein paar Jahrzehnten stehen. Karlsruhe hat deshalb einen Mehrjahresplan entwickelt, um das Stadtklima zu verbessern; im Auftrag der Stadt sammelt der Deutsche Wetterdienst derzeit in München Daten für eine Klimastudie. Parallel dazu wird an Lehrstühlen und in Unternehmen an vielfältigen Materialien geforscht, um die Sommer in der Stadt auch in Zukunft erträglich zu machen. Darunter ein poröser Belag für Bürgersteige, der Regenwasser aufnimmt, statt es abfließen zu lassen. Oder spezielle Baustoffe und Anstriche für Dächer, die Sonnenstrahlung reflektieren.

"Autómata", ein Science-Fiction-Film vom vergangenen Jahr, kommt da der Realität schon etwas näher: Die Städte der Zukunft müssen hier vor Sonnenfeuern geschützt werden.