Hirnforschung und Philosophie "Der freie Wille ist nur ein gutes Gefühl"

Wolf Singer ist einer der prominentesten Naturwissenschaftler, die dem Menschen einen freien Willen absprechen. Wie kommt er auf diese Idee?

Ein Interview von Markus C. Schulte von Drach

Wolf Singer ist einer der prominentesten Naturwissenschaftler in Deutschland, die dem Menschen einen freien Willen absprechen. Seit einiger Zeit tritt der Philosoph Jürgen Habermas als wortgewaltiger Kritiker von Singer und anderen Hirnforschern auf und warnt davor, ihr Menschenbild zu akzeptieren.

Habermas sieht die Grundlage des Zusammenlebens gefährdet von einem Naturalismus, der "alles Verständliche und Erlebte auf Beobachtbares reduziert". Es gäbe keinen Diskurs mehr, wenn jeder nur nachvollzöge, "was in den bewusstseinsfernen Regionen des Gehirns längst festgelegt worden ist". Bei sueddeutsche.de antwortet Wolf Singer auf die Vorwürfe des Philosophen.

sueddeutsche.de: Jürgen Habermas befürchtet, die Welt bliebe stumm und starr, wenn sich Ihr Menschenbild durchsetzen würde. Ist das so?

Singer: Der Beweis dafür, dass dem nicht so ist, ist die kulturelle Evolution selbst. Die hat vor nur einigen tausend Jahren begonnen und erstreckt sich also über einen Zeitraum, innerhalb dessen sich unsere Gehirne nicht mehr im großen Umfang verändert haben können. Und unsere Gehirne funktionieren nach deterministischen Naturgesetzen. Aber auch deterministische Systeme sind offen und kreativ, können Neues in die Welt bringen. Das kann Materie. Man muss der Materie ein bisschen mehr zutrauen.

sueddeutsche.de: Für Reduktionisten wie Sie, so Habermas, muss das bewusste Leben aber lediglich eine Nebenerscheinung der physischen Hirnprozesse sein.

Singer: Überhaupt nicht. Das Bewusstsein ist eine emergente Eigenschaft von Hirnprozessen und keine Nebenerscheinung, sondern etwas ganz Wesentliches. Es hat sich im Laufe der Evolution herausgebildet und im Dialog der Gehirne beim Menschen eine ganz hohe Wertigkeit erlangt. Es hat eine zentrale Funktion.

sueddeutsche.de: Habermas stellt Ihre Position anders dar.

Singer: Dann hat er mich falsch verstanden. In meinen Schriften weise ich seit Jahren darauf hin, dass die Evolution Hirnarchitekturen hervorgebracht hat, die Wissen über die Welt enthalten und Programme, die dieses Wissen verwalten. Sie haben sich über Versuch, Irrtum und Auswahl an die Bedingungen, unter denen wir Menschen leben, angepasst. Die Evolution ist selbst ein kognitiver Prozess. Wenn Habermas jetzt postuliert, wir müssten "die natürliche Evolution selber auf eine nicht metaphorische Weise als Lernprozess begreifen" - dann wiederholt er lediglich, was für Neuro- und Evolutionsbiologen schon längst Gemeingut ist.

sueddeutsche.de: Ihre Positionen unterscheiden sich also gar nicht so sehr?

Singer: Was Habermas sagt über das intentionale Weltverhältnis, die gegenseitige Perspektivenübernahme, die Intersubjektivität der Verständigung - das ist im Einklang mit neurobiologischen Positionen. All das sind emergente Eigenschaften des Dialogs zwischen sich gegenseitig bespiegelnden Gehirnen. Es sind soziale Realitäten, die unsere soziokulturellen Lebensformen prägen. Aber um wirksam zu werden, müssen sich alle diese Prozesse natürlich physisch im individuellen Gehirn manifestieren. Wenn wir darüber hinaus noch etwas Immaterielles, Geistiges annehmen, das den neuronalen Prozessen vorgängig ist und auf das Materielle einwirkt, dann haben wir ein Problem mit den Energieerhaltungssätzen. Das würde die ganze Physik auf den Kopf stellen.

sueddeutsche.de: Habermas ist nicht der einzige Philosoph, der den Reduktionismus und sein Menschenbild kritisiert.

Singer: Ich glaube, die Schwierigkeiten mit dem Reduktionismus oder Determinismus kommen daher, dass viele damit Konzepte der positivistischen klassischen Physik des 19. Jahrhunderts verbinden. Sie denken dabei an lineare Prozesse, in denen alles abläuft wie in Uhrwerken. Dann käme tatsächlich nichts Neues in die Welt. Aber so ist es nicht. Bei unseren Gehirnen handelt es sich um komplexe, sich selbst organisierende, nicht-lineare Systeme, die zudem noch miteinander interagieren. Diese Erkenntnis tut unserem Menschenbild überhaupt keinen Abbruch. Im Gegenteil. Es ist wunderbar, wie diese komplizierten Prozesse ineinandergreifen.

sueddeutsche.de: Um über etwas zu reden, muss man klären, worüber man spricht. Deshalb hat Habermas versucht, den Begriff Handlungsfreiheit zu definieren: Handlungen wären demnach frei, wenn man sich von Einsicht bestimmen lässt. Dann kann man überlegen - also frei - handeln. Was sagt der Hirnforscher dazu?

Singer: Frei wären Entscheidungen somit dann, wenn sie auf der Plattform des Bewusstseins gefällt werden, und zwar durch Abwägen von Argumenten, wobei das Abwägen nach rationalen Diskursregeln zu erfolgen hat. Bei Argumenten, die bewusst gemacht werden können, handelt es sich ausschließlich um Inhalte, die im deklarativen Gedächtnis (bewusstes Gedächtnis für Fakten und Ereignisse, d.R.) gespeichert sind und somit um erworbenes soziokulturelles Wissen.

Um frei zu sein, sollte dieser bewusste Abwägungsprozess ferner möglichst ohne äußere und innere Zwänge ablaufen, uneingeschränkt von einer übermächtigen Triebsstruktur oder einem durch Drogen oder Hirnverletzungen getrübten Bewusstsein. Sind diese Bedingungen erfüllt, wird der Entscheidung das Attribut frei genehmigt, und der Handelnde wird für seine Handlung voll verantwortlich gemacht.

sueddeutsche.de: Diese Entscheidung wird dann als frei bezeichnet. Aber Ihrer Einschätzung nach ist mein Ich doch nicht wirklich frei, sich bewusst für eine bestimmte Handlungsalternative zu entscheiden?

Singer: Wo ereignet sich denn das bewusste Überlegen? In der Großhirnrinde. Und wer überlegt da? Komplexe neuronale Netzwerke, die über die Hirnrinde verteilt sind und in denen genetische und durch Erfahrungen eingeprägte Vorgaben und Regeln existieren. Die Netzwerkzustände werden beeinflusst durch Wissen, das aus dem Gedächtnis abgerufen wird, und von Argumenten, die man vielleicht gerade erst gehört hat, sowie von Zwischenergebnissen des Abwägungsprozesses, die im Kurzzeitspeicher liegen. Aber das alles basiert auf neuronalen Erregungsmustern, die untereinander um einen möglichst kohärenten (zusammenhängenden, in sich stimmigen) Zustand rangeln. Ein mehr oder weniger großer Anteil dieses Prozesses wird uns dabei bewusst. Der Umstand, dass sich dieser Prozess an die Naturgesetze halten muss, bedingt, dass er selbst determiniert sein muss.

sueddeutsche.de: Wie kommt nun ein Ich-Bewusstsein ins Spiel?

Singer: Hierzu bedarf es mit großer Wahrscheinlichkeit der Interaktion zwischen Gehirnen, die ganz bestimmte kognitive Fähigkeiten haben müssen. Eine dieser Fähigkeiten ist die Möglichkeit zur Perspektivenübernahme: Wir können uns vorstellen, was im Kopf eines anderen vor sich geht. Wir sehen uns sogar selbst gespiegelt in der Wahrnehmung des anderen. Solche Prozesse erfordern die Fähigkeit, eine Theorie des Geistes aufzubauen. Dann sind wir zu hohen Abstraktionsleistungen in der Lage, zur symbolischen Kodierung und zur Kommunikation dieser Kodes.

All das waren Voraussetzungen für die kulturelle Evolution, deren Errungenschaften dann durch Erziehung und kulturelle Prägung wiederum zur Verfeinerung von Hirnfunktionen führte. Dass wir komplexe logische Konstrukte höherer Ordnung aufbauen und zu Abwägungen heranziehen können, ist auch eine Kulturleistung. Wir haben jedoch kein Gefühl für die deterministischen neuronalen Prozesse, die all diesen Leistungen zugrundeliegen, und wir haben keinen Einblick in die unüberschaubar vielen Determinanten.

Dies führt dazu, dass wir anderen und uns selbst zuschreiben, autonome, selbstbestimmte, zu jeder Zeit frei handelnde Individuen zu sein.

sueddeutsche.de: Das klingt eigentlich sehr ähnlich wie die Habermassche Idee vom "objektiven Geist", der aus der Interaktion der Gehirne von Tieren hervorgegangen ist, die zur Perspektivübernahme fähig sind, und dem "subjektiven Geist", der sich im Zuge einer Vergesellschaftung ihrer Kognition bildet.

Singer: Aber Habermas scheint immer wieder zurückzufallen in diese "Welt der Gründe und Argumente", die etwas Immaterielles an sich hat. Wie gesagt, wenn Gründe neuronalen Prozessen vorgängig wären und nicht zuerst neuronal implementiert, um zu wirken, dann stellte dies das naturwissenschaftliche Weltbild radikal in Frage.

sueddeutsche.de: Sie sprechen dem Menschen also ein "Ich" und ein "Bewusstsein" gar nicht ab. Aber noch einmal zur Handlungsfreiheit: In der Alltagspsychologie wird dem gesunden Menschen die Fähigkeit zugesprochen, frei unter mehreren Alternativen auswählen zu können.

Singer: Diese Definition wird auch in der Rechtsprechung verwendet. Da habe ich allerdings mein Problem. Für Entscheidungen, die durch Abwägen erzielt werden, müssen Argumente zur Verfügung stehen. Man kann aber nicht bewusst Beliebiges aus seinen Speichern holen - sogar wenn es dort liegt. Was von dem vielen Gewussten jeweils ins Bewusstsein kommt, hängt von vielen unbewussten Motiven ab.

Es ist unwahrscheinlich, dass etwa einem Menschen mit starker Triebstruktur im entscheidenden Augenblick die Argumente einfallen, die ihn hindern zu tun, was er aufgrund seiner Triebstruktur tun möchte. Und wenn ein forensischer Gutachter bei einem Straftäter in bestimmten Bereichen des Stirnhirns einen Tumor findet, dann lässt sich argumentieren, der Mensch konnte die Tat nicht unterdrücken, weil die hierzu notwendigen Kontrollzentren zerstört sind.

Wir wissen aber, dass solche Defekte nicht immer sichtbar sein müssen. Nervenbahnen können genetisch bedingt fehlen, oder aufgrund von Entwicklungsprozessen schwach ausgeprägt sein, oder die Synapsen sind nicht stark genug, weil der Betroffene nicht richtig gelernt hat. Es gibt viele Möglichkeiten, die wir im Augenblick nicht erfassen können. Aber wenn man sich einmal dazu bekennt, dass alles, was wir tun, auf neuronalen Prozessen beruht, dann muss man annehmen, der Täter hat - im Gegensatz zu anderen Menschen - die Hemm-Mechanismen nicht aktivieren können, die es ihm erlaubt hätten, die Tat zu unterdrücken.

sueddeutsche.de: Das gilt für Menschen mit Hirndefekten. Aber die Entscheidungsprozesse laufen doch immer in Strukturen ab, die vor allem während unserer Sozialisation, unter dem Einfluss von Erfahrungen und Lernprozessen und auf der Grundlage unserer biologischen Ausstattung geformt wurden. Wenn ich nun als geistig gesunder Mensch in einem bestimmten Augenblick eine Entscheidung treffe, stehe ich dann einfach am Ende einer Kausalkette, die diese Entscheidung determiniert? Und man kann nur deshalb nicht vorhersagen, was ich tun werde, weil man nicht genug Informationen hat?

Singer: Selbst wenn Sie alle Informationen hätten, könnten Sie nur Wahrscheinlichkeitsaussagen treffen, da die Dynamik des Systems hoch-nichtlinear ist.

sueddeutsche.de: Aber kann man nun sagen, ich hätte als geistig gesunder Mensch in diesem Augenblick entscheiden können, anders zu handeln?

Singer: Wahrscheinlich nicht. Alle diese Vorgaben legen fest, was von einem bestimmten Zustand aus als nächstes im Gehirn geschieht. Dass einige dieser Faktoren ins Bewusstsein dringen und wir unsere Entscheidungen als frei gewählt wahrnehmen, bedeutet nicht, dass die neuronalen Prozesse keinem deterministischen Mechanismus gehorchen.