Hirnforschung "Sorgen Sie für ein Haus voller Bücher!"

Die Neurowissenschaftlerin Maryanne Wolf warnt vor den Gefahren des digitalen Lesens. Sie plädiert dafür, Kinder weiterhin mit gedruckten Texten zu konfrontieren.

Interview: Nicola Schmidt

Als Expertin für die kognitive Entwicklung von Kindern an der amerikanischen Tufts University beschäftigt sich Maryanne Wolf vor allem mit Legasthenie. Doch in ihrem Buch "Das lesende Gehirn" (Spektrum Verlag) warnt sie unter anderem vor den Gefahren des nur digitalen Lesens für die ganze Gesellschaft: Das Internet verführe Erwachsene und insbesondere Kinder zur unkonzentrierten Informationssuche, die das selbstständige Denken untergrabe und ihnen die Freude einer tieferen Leseerfahrung vorenthalte.

SZ: Was wird mit unseren Gehirnen passieren, wenn wir irgendwann nur noch online lesen?

Maryanne Wolf: Anders als beim Sprechen oder Sehen war unser Gehirn nie dafür gemacht, zu lesen. Es muss erst verschiedene Areale verbinden, um eine Art Lese-Schaltkreis zu bilden. Daher gibt es ohnehin nicht den idealen Schaltkreis. Aber klar ist: Wenn wir lesen, um einen tieferen Einblick zu erhalten, dann nutzen wir weite Teile beider Gehirn-Hemisphären. Wenn wir - so wie meist im Internet - einen Text nur der Information willen lesen, ihn nur überfliegen, dann nutzen wir wahrscheinlich nur die Hälfte der uns zur Verfügung stehenden Hirnkapazität.

SZ: Im Ihrem Buch sorgen sich besonders um die Kinder.

Wolf: Die Frage ist: Wird ein Kind, das tief in das Internet eintaucht, das vielleicht sogar süchtig nach digitalen Medien ist, jemals das lernen, was ich ein tiefes Lesen nenne?

Das ist ein Lesen, bei dem wir in eine andere kognitive Zone vordringen und eins werden mit den Charakteren im Buch. Unsere Kinder werden vielleicht niemals erfahren, was es heißt, sich in eine Figur wirklich einzufühlen, dann eine kritische Analyse zu machen und zu eigenen Gedanken zu kommen.

SZ: Warum sollten sie das mit digitalen Medien nicht lernen können?

Wolf: Bei den digitalen Medien haben wir es immer mit kurzen Aufmerksamkeitsphasen zu tun statt mit langen, konzentrierten Zeitabschnitten. Erst wenn wir weiter gehen, wenn wir Analogien ziehen, dann erst bildet sich die Plattform für eigene, neue Ideen. Es sind die selbst gemachten Notizen am Seitenrand der Bücher, die die Grundlage für unsere eigenen Gedanken bilden.

"Ich plädiere für einen Mittelweg"

SZ: Wer online liest, liegt meistens nicht mehr am Strand oder im Schaukelstuhl. Macht das für unser Gehirn einen Unterschied?

Wolf: Ja, die Art, wie wir lesen, beeinflusst, wie wir denken und fühlen. Nach dem Erscheinen meines Buches schrieben mir Hunderte von Leuten, dass für sie das Lesen eines Buches eine ganz besondere Erfahrung ist: Ein Buch fühlt man, riecht man, berührt man. Ein Buch hat einen Pause-Knopf. Das Internet hingegen treibt uns immer von einem zum nächsten, auch bei elektronischen Lesegeräten wie dem iPad und Kindle ist das so.

Auch vom kognitiven Standpunkt her ist die Lesesituation online eine andere. Das Gefühl sagt hier eher: Bringe es zu Ende! Es geht um Effektivität, Produktivität, Sammeln von Information - darin liegen ja auch die Qualitäten des Internets. Ich bin deshalb auch gar nicht total gegen das Internet, sondern plädiere für einen Mittelweg, bei dem wir analoge und digitale Medien bewusst nutzen.