Hirnforschung Sehen auf Knopfdruck

Ein Chip ersetzt die lichtempfindlichen Zellen in der Netzhaut von Blinden und gibt ihnen einen Teil der Sehfähigkeit zurück. Ein Patient kann sogar Gegenstände und große Buchstaben erkennen.

Von Katrin Blawat

Zunächst wackelte die Welt für den 44-jährigen Patienten noch etwas, als er nach fast 30 Jahren wieder Licht und Schatten, Gegenstände und sogar einzelne Buchstaben erkennen konnte. Dann gewöhnten sich Augen und Gehirn langsam an den Chip, den Tübinger Ärzte dem Mann unter die Netzhaut eingesetzt hatten - und der Blinde wurden zum Sehenden.

Das elektronische Implantat soll die lichtempfindlichen Zellen in der Netzhaut des Mannes ersetzen, die von der Krankheit Retinitis Pigmentosa zerstört wurden.

Wie sie Blinden mit Hilfe eines Chips wieder zu etwas Sehfähigkeit verhelfen, berichtet das Team um Eberhart Zrenner nun in den Proceedings of the Royal Society B (online); auf einer Pressekonferenz hatten die Ärzte ihre Ergebnisse bereits im vergangenen Jahr präsentiert.

Insgesamt elf Patienten haben den Netzhaut-Chip in Tübingen bislang erhalten. Doch nur der 44-Jährige erlangte daraufhin nach Angaben der Ärzte 2,1 Prozent der normalen Sehfähigkeit. Auf die präzise Angabe legen die Forscher Wert, denn offiziell gilt ein Mensch als blind, wenn er weniger als zwei Prozent der üblichen Sehfähigkeit besitzt.

Nach der Operation konnte der Mann aus 60 Zentimeter Abstand sechs Zentimeter große Buchstaben erkennen. Zwei weitere Patienten erkannten helle Gegenstände auf einem dunklen Tisch.

"Die Pilotstudie zeigt, dass es prinzipiell möglich ist, Blinden mit einem Chip einen Teil der Sehfähigkeit zurückzugeben", sagt Zrenner. Die von ihm implantierten Chips stammen von der Firma Retina Implant, dessen Gründer und Aufsichtsratsvorsitzender Zrenner ist. Auf dem drei mal drei Millimeter großen Chip befinden sich 1500 sogenannte Photodioden - ein gesunder Mensch besitzt etwa 130 Millionen Lichtsinneszellen.