Hirnforschung Baustelle Kopf

Fortschritte in der Hirnforschung ermöglichen inzwischen Eingriffe direkt in unsere Denk- und Steuerzentren - und wir stehen erst am Anfang einer umwälzenden Entwicklung. Europäische Forscher fordern nun Zurückhaltung.

Von Hanno Charisius

Bilder und Gefühle entstehen in einem Chaos aus chemischen Botenstoffen und elektrischen Impulsen, genau wie Wahrnehmungen, Erinnerungen und Ideen. Gleichzeitig ist das Gehirn für die Koordination von Bewegungen zuständig.

In dieses Treiben greift der Mensch inzwischen ein: Fortschritte in der Hirnforschung ermöglichen Interventionen direkt ins Denk- und Steuerzentrum. Gedächtnistuning mit Medikamenten, psychopharmakologische Therapien für Demenzkranke und Psychiatrie-Patienten, Nerventransplantation, Neuroprothetik und elektrische Schrittmacher markieren wahrscheinlich erst den Anfang einer umwälzenden Entwicklung.

Sogar für Experten ist es schwierig geworden, im Strom der Nachrichten zwischen real verfügbaren Anwendungen und Zukunftsvisionen zu unterscheiden: Gelähmte steuern künstliche Gliedmaßen mit der Kraft ihrer Gedanken.

Menschen mit Depressionen regulieren ihre Stimmung mittels im Gehirn implantierter Elektroden. Parkinsonpatienten bekommen Nervenzellen abgetriebener Föten in das Gehirn gespritzt. Studenten bereiten sich mit Büchern und Gedächtnispillen auf Prüfungen vor.

Eine am gestrigen Dienstag veröffentlichte Studie der Europäischen Akademie zur Erforschung und Beurteilung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen versucht, in dieser verwirrenden Gemengelage eine Orientierungshilfe bieten.

Das 533 Seiten starke Werk zeigt die derzeitigen Möglichkeiten und Entwicklungsperspektiven der Neurotechnologie auf und analysiert "die wichtigsten Bedenken gegen diese Interventionen aus philosophischer und juristischer Perspektive", schreiben die Autoren in der Zusammenfassung.

Eingriffe ins Gehirn sind nach Auffassung der Experten je nach Absicht grundsätzlich unterschiedlich zu bewerten: Therapeutische Anwendungen sind demnach eher zu befürworten als Anwendungen, die "auf die Verbesserung der psychischen Funktionen von Gesunden abzielen".

Ein solches "Enhancement" ist nach Ansicht der Autoren allerdings nicht in jedem Fall verwerflich, sondern nur dann, wenn es schädliche Nebenwirkungen gibt oder ein gesellschaftliches Ungleichgewicht droht, weil nicht jeder Mensch sich Leistungssteigerer für das Gehirn leisten kann - oder will.

"Staatliche Intervention zum Schutz der Bürger"

"Sollten deutliche Anzeichen für eine solche Entwicklung erkennbar werden, scheint eine staatliche Intervention zum Schutz der Bürger geboten, die ein Enhancement ablehnen", schreiben die sieben Studienautoren.

Ansonsten stehe es jedem Menschen frei, seine geistigen Fähigkeiten durch geeignete Techniken, auf eigenes Risiko und auf eigene Kosten zu verbessern. Das Gesundheitssystem dürfe dadurch jedoch nicht belastet werden.

Neurotechnologie für die Behandlung schwerer Psychopathien hält die Expertengruppe als Alternative zur Sicherheitsverwahrung für vertretbar. Der Staat sei nicht nur berechtigt, sondern sogar verpflichtet, ein solches Angebot zu unterbreiten, wenn das Verhältnis von Nutzen und Risiko "vernünftig" sei.

Durch die Manipulation von Gehirn und Bewusstsein mittels chemischer und elektronischer Neurotechnologie wird sich der Mensch - und mit ihm Kultur und Gesellschaft - tief greifender verändern als durch jede andere wissenschaftliche Revolution der Vergangenheit, glauben Experten wie der Bewusstseinsforscher Christof Koch vom California Institute of Technology.

Er setzt auf eine spezielle Neuro-Ethik, "eine neue wissenschaftliche Disziplin, die sich mit den sozialen, juristischen und ethischen Konsequenzen der modernen Neurowissenschaften beschäftigt".

Die Studie der Europäischen Akademie, an der Neurowissenschaftler, Mediziner, Philosophen und ein Jurist beteiligt waren, verzichtet jedoch bewusst auf den Anspruch, ein ethisches Grundlagenwerk zu sein, erklärt Projekt-Koordinator Thorsten Galert. Statt dessen will es die Basis für eine breite gesellschaftliche Diskussion legen.