Hirn-Parasiten Der fremde Wille

Manche winzigen Parasiten wandern ins Gehirn von Tieren und verändern deren Charakter und Verhalten. Einige Fachleute vermuten, dass dies auch bei Menschen vorkommt.

Von Marcus Anhäuser

Drehbuchautoren würden sich bei diesem Stoff die Hände reiben. Die Hälfte der Menschheit ist von einem Hirnparasiten befallen. Die winzigen Einzeller haben sich in den Köpfen der Betroffenen eingenistet und kontrollieren deren Verhalten - sie verändern gar die Persönlichkeit der Infizierten. Ein hervorragender Plot für einen bizarren Science-Fiction-Schocker?

Offenbar nicht, vielmehr könnte dieses Szenario der Realität entsprechen. Der Parasiten-Ökologe Kevin Lafferty von der University of California, Santa Barbara, USA, schaffte es mit dieser These im vergangenen Jahr in das angesehene Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B (Bd. 273, 2006, S. 2749). Das lässt sich durchaus als Beleg anführen, dass der Verdacht nicht völlig aus der Luft gegriffen ist.

Dennoch klingt die These des Wissenschaftlers abenteuerlich. Kevin Lafferty deutet den Einfluss des Parasiten als eine der Ursachen für einige Unterschiede zwischen menschlichen Kulturkreisen.

Demnach entspringe südländisches Machogehabe, deutscher Ordnungssinn oder asiatische Zurückhaltung dem Wirken des parasitären Einzellers.

Diese abgehobene Idee ist vorläufiger Höhepunkt in einem besonders gruseligen Zweig der Parasitenforschung: Wie seltsame Schmarotzer-Wesen aus eigenständigen Wesen willenlose Zombies machen.

Auf den Grashalm gezwungen

Es sind Entdeckungen wie die zuletzt im Fachblatt PNAS (Bd. 104, 2007, S. 6442) veröffentlichten, die Lafferty letztlich zu seiner These brachten.

Ein Forscherteam um Robert Sapolsky von der Stanford University, USA, hatte Ratten und Mäuse mit dem Hirnparasiten Toxoplasma gondii infiziert. Dann beobachteten sie, wie die Tiere auf den Geruch von Katzenurin reagierten. Normalerweise meiden die Nager Orte, an denen der strenge Geruch zu erschnüffeln ist.

Ein lebenswichtiger Schutzmechanismus, denn vor allem Mäuse stehen auf dem Speiseplan von Katzen ganz oben. Hatte sich der Einzeller aber in das Gehirn der Nager eingenistet, empfanden sie Katzenurin offenbar anziehend. In Wahlversuchen bewegten sich die Nagetiere immer wieder in Richtung des Geruchs, der für sie den Tod bedeuten kann.

Toxoplasma gondii hatte sie zu seinen Marionetten gemacht. "Denn erst in der Katze vollendet der Parasit seinen Lebenszyklus", sagt Sapolsky. Im Raubtierdarm legt der Parasit seine Eier, die der Räuber dann wieder ausscheidet und so eine neue Runde in Leben von T. gondii einläutet.

Nur wenige Wochen zuvor hatten Biologen der Universität Bonn von einem Wurm berichtet, der Flohkrebse in den Tod treibt (International Journal of Parasitology, Bd. 37, 2007, S. 61). Die Larve von Pomphorhynchus laevis programmiert ihren Wirt ähnlich um wie Toxoplasma gondii. Der infizierte Krebs weicht räuberischen Flussbarschen nicht mehr aus, sondern schwimmt ihnen quasi ins Maul.

Der Grund für die plötzliche Attraktivität des eigentlich todbringenden Fisches: "Der Parasit scheint die Verarbeitung der Geruchsreize in den Krebsen umzukehren", sagt Sebastian Baldauf, Erstautor der Studie. In Wahlversuchen reichte den kleinen Krebsen schon die Geruchsspur im Wasser, die der Räuber zuvor hinterlassen hatte, um sich angezogen zu fühlen.

Wie stark der Einfluss des Parasiten auf seinen Wirt sein kann, zeigt der Klassiker der parasitären Gehirnwäsche. Die Larve des Kleinen Leberegels Dicrocoelium dendriticum, von Parasitenforschern als Zerkarie bezeichnet, wandert in den Kopf einer Ameise und setzt sich in einem Nervenknoten fest, der die Mundwerkzeuge steuert.

Das treibt das Insekt zu einem bizarren Verhalten. Anstatt bei aufziehender Abendkühle ins Nest zu laufen, marschiert die Ameise wie ferngesteuert los, krabbelt an einem Grashalm hoch, verbeißt sich darin und verbringt dort die Nacht. "Der Egel erhöht auf diese Weise seine Chancen, seinen Endwirt, ein am Morgen grasendes Schaf, zu erreichen", sagt Baldauf.

Bleibt die Ameise von ihrem Schicksal verschont, verlässt sie am Vormittag den Halm und wandert ins Nest zurück. Am folgenden Abend macht sie sich wieder auf den Weg, um sich in einen Grashalm zu verbeißen.

Parasitologen kennen eine Vielzahl solcher Zombie-Geschichten aus dem Tierreich. Stets bringen Parasiten ihre Wirte dazu, Dinge zu tun, die sie dem Tod näher bringen, aber den Weg für die nächste Generation des Parasiten bereiten.

Grashüpfer stürzen sich in Gewässer, damit der Saitenwurm Spinochordodes tellinii das Insekt verlassen und sich paaren kann. Ein Plattwurm treibt Herzmuscheln bei Ebbe an die Schlickoberfläche, damit Wattvögel wie der Austernfischer sie erwischen. Saugwurmlarven wandern in die Fühler von Bernsteinschnecken und verwandeln das Sinnesorgan in farbig pulsierende Fortsätze, um Wasseramseln aufmerksam zu machen.