Hilfe für Gelähmte Roboter zum Anziehen

Exoskelette können Gelähmten und Schlaganfall-Patienten wieder auf die Beine helfen. Doch noch ist diese Technik sehr teuer.

Von Helmut Martin-Jung

Der Tag, der das Leben von Amanda Boxtel veränderte, der 27. Februar 1992, war kein schlechter Tag zum Skifahren in Aspen, Colorado. Zwei Grad plus hatte es unten im Tal, der Himmel war nur leicht bewölkt. Doch dann passierte ein kleiner Fehler mit großen Folgen.

Von 2013 an soll das Exoskelett in der Reha eingesetzt werden.

(Foto: Ekso Bionics)

Amanda, damals 24, überschlug sich auf der Piste und landete auf dem Kreuz, "ich spürte einen höllischen Schmerz von den Beinen bis zum Rücken". Die Diagnose war niederschmetternd: Vier Wirbel gebrochen, das Rückenmark zerquetscht, "Sie werden nie wieder gehen können", sagten ihr die Ärzte.

Mehr als 19 Jahre später in einem Hotel in München. Amanda Boxtel wuchtet ihren Körper mit den Armen aus dem Rollstuhl in einen anderen Stuhl. Ihre Füße kommen in eine Art Sandalen, Unterschenkel und Oberschenkel werden mit Klettbändern an Stangen aus schwarzem Metall befestigt, auf den Rücken schnallt sie sich mittels Rucksackgurten sowie eines Gurts um den Bauch eine schwarze Apparatur. Und dann nimmt die 43-Jährige zwei Krücken, beugt ihren Oberkörper nach vorne - und steht auf und geht. "Das fühlt sich jedes Mal an wie eine Umarmung", sagt sie.

Eigentlich tut das Gerät, ein sogenanntes Exoskelett, auch nichts anderes. Durch die verschiedenen Bänder und das außen geführte Metallskelett wird der Teil des Körpers, in dem die Querschnittgelähmte noch etwas fühlt, stabil mit dem anderen Teil verbunden. Damit die Patienten auch Schritte ausführen können, enthält das Gerät vier Elektromotoren, die jeweils an Ober- und Unterschenkeln sitzen, und 15 Sensoren, die erfassen, in welche Richtung sich der Patient bewegen will.

Zwei Krücken, in denen ebenfalls Sensoren stecken, dienen zusätzlich der Stabilität. Ein Computer, der mit zwei Lithium-Polymer-Akkus das Rückenteil des Gerätes bildet, interpretiert die Informationen der Sensoren und steuert entsprechend die Elektromotoren. Diese geben ihre Kraft über Gewinde an die Gelenke weiter, die an der Hüfte sitzen sowie an den Knien. Das Motorengeräusch ist hörbar, aber nicht unangenehm laut.

Entwickelt wurde das Exoskelett ursprünglich an der Universität Berkeley in Kalifornien. Die Firma Ekso Bionics ist eine Ausgründung aus diesem Projekt, mit der versucht werden soll, das Gerät kommerziell zu vermarkten. Die Zielgruppe sind zunächst Reha-Einrichtungen, sagt Firmenchef Eythor Bender. Bender ist in der Branche kein Unbekannter, der Isländer arbeitete früher für die Firma Össur, die den beidseitig beinamputierten südafrikanischen Sprinter Oscar Pistorius mit den bumerangförmigen Stahlprothesen ausstattete.

Im derzeitigen Entwicklungsstand können Querschnittgelähmte das Exoskelett noch nicht allein benutzen - aus Sicherheitsgründen. Eine zweite Person muss hinterhergehen und mittels einer Fernbedienung jeden Schritt einzeln auslösen. Solche Geräte sollen von Frühjahr 2013 an für Reha-Einrichtungen zur Verfügung stehen, der Stückpreis soll bei "etwas über 100.000 Euro" liegen, sagt Bender.

Eingesetzt werden können sie an Gelähmten oder Schlaganfall-Patienten. Später, hofft Bender, werde man Exoskelette auch an Patienten direkt verkaufen können, "etwa zum Preis eines neuen Autos". Diese könnten dann außer von Sensoren vielleicht auch von Hirnströmen gesteuert werden. Davon hatte Ekso Bionics zunächst Abstand genommen.

An Exoskeletten wird schon seit Jahrzehnten geforscht, Mitte der sechziger Jahre entwickelte der US-Konzern General Electric den "Hardiman", der Arbeitern helfen sollte, Lasten bis 680 Kilogramm zu tragen. Das Projekt scheiterte, weil die Techniker die Steuerung des Roboters nicht in den Griff bekamen. Bereits im Einsatz ist Hybrid Assistive Limb (HAL), ein Anzug samt Exoskelett, der in Japan entwickelt wurde und gegen Gebühr an gehbehinderte Patienten vermietet wird.