Der Nachwuchs kann die Gefahren des Feuers schlecht einschätzen und ist besonders empfindlich. Doch heute kann jungen Verbrennungsopfern erstaunlich gut geholfen werden.
Es ist meist nur die eine, verflixte Sekunde, die das Leben für immer verändert. Tausendfach tickt sie allein in Deutschland jedes Jahr. Dann zieht der Säugling mit der Tischdecke die heiße Suppe zu sich herunter, dann sitzt die Zweijährige auf Papas Schoß und greift mit einem Mal nach der Kaffeetasse, dann verdreht der Vierjährige beim Baden mit dem Po den Wasserhahn auf Rot.
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Mindestens ein Jahr lang müssen Kinder einen Kompressionsanzug tragen, um beulige Narben nach einer Verbrühung zu vermeiden. (© Foto: Valérie Jaquet)
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Vivien erlebte diese verflixte Sekunde ausgerechnet an ihrem vierten Geburtstag. Sie wollte die Kerzen auf ihrem Kuchen auspusten, als plötzlich ihr Lieblingspullover in Flammen stand. 45 Prozent ihres Körpers erlitten eine Verbrennung dritten Grades - das ist so viel wie 45 Handflächen des Kindes.
Solch schwere Verbrennungen treffen Kinder besonders häufig. Seltener als noch vor wenigen Jahrzehnten, auch weil etwa "Paulinchen", eine Initiative von Eltern brandverletzter Kinder, unermüdlich Aufklärungsarbeit leistet. Doch nach wie vor verbrennen und verbrühen sich rund zwei Prozent der Kinder im Vorschulalter so schwer, dass sie stationär behandelt werden müssen.
Besonders empfindlich
725 Kinder werden pro Jahr allein in Deutschlands Spezialzentren für schwer brandverletzte Kinder eingeliefert, meist sind sie zwischen ein und drei Jahren alt. Das liegt daran, dass die Kleinen Gefahren wie Feuer, Hitze und Strom nicht richtig einschätzen können. Aber auch daran, dass sie besonders empfindlich für deren zerstörerische Kraft sind.
"Beim Kontakt mit heißem Wasser entsteht bei einem Erwachsenen nach 31 Sekunden eine Verbrühung dritten Grades, bei einem Kleinkind schon in zehn Sekunden", sagt Karin Rothe vom Arbeitskreis "Das schwer brandverletzte Kind" der Deutschen Gesellschaft für Verbrennungsmedizin. "Der Inhalt einer Tasse Tee reicht aus, um 30 Prozent der Körperoberfläche eines Kleinkinds zu verbrühen", warnt Rothe. Auch 50 Grad heißes Wasser sei für Kinder noch desaströs.
Nach dem ersten Schock über das Unglück kommt für Eltern und Kinder meist bald der zweite - wenn sie begreifen, welch beschwerlicher Weg vor ihnen liegt. Das Kind hat meist unerträgliche Schmerzen, jede Berührung, jede Bewegung tut weh.
Trotzdem muss Bewegung sein, um die spannende Haut elastisch zu halten. Jeder Verbandswechsel findet unter Vollnarkose statt. Zugleich sind andauernde Infusionen nötig, um den Flüssigkeitsverlust über die ständig nässende Wunde auszugleichen. Und später müssen die Patienten noch gut ein Jahr lang Kompressionsverbände tragen, damit die Narben nicht sackartig ausbeulen.
Medizinisch gesehen ist es ein großer Vorteil, wenn man eine Verbrennung als Kind erlebt: Das Regenerationsvermögen des Gewebes ist hervorragend, transplantierte Haut wächst in der Regel gut an. Doch später bilden sich oft besonders schlimme Narben, weil der Körper anders wächst als das verpflanzte Gewebe.
Das Leben neu meistern
Auch lange nach dem Unglück bleibt ein brennender Schmerz. Eltern wie Kinder müssen ihr Leben neu meistern. Das Vertrauen, dass schon alles gut geht, dass Kinder einfach unverwüstlich sind, ist ein für allemal zerstört.
"Die Kinder müssen auf den großen Schritt zurück in ihre Kindheit erst vorbereitet werden", sagt Clemens Schiestl, Leiter des Zentrums für brandverletzte Kinder an den Universitätskliniken Zürich. Und wie sollen die Eltern ihren Nachwuchs fortan unbeschwert toben lassen? "Ich war im siebten Monat schwanger (als der Unfall passierte). Plötzlich dachte ich, ich will kein zweites Kind mehr, das halte ich nicht aus", erzählt eine Mutter.
Trotz allem geht es den Verbrennungsopfern später erstaunlich gut, sagt Schiestl, der jetzt zum 30-jährigen Jubiläum seines Zentrums ein Buch herausgegeben hat, für das er und seine Mitarbeiter frühere Patienten besucht haben ("Schaut mich ruhig an", Verlag rüffer & rub, Zürich). "Wir fanden keine gebrochenen Menschen, die mit ihrem Schicksal haderten", schreibt der Chirurg. "Wir können von diesen Kindern viel lernen. Sie fragten eben nicht ,Was habe ich gestern gekonnt?', sondern ,Was werde ich morgen wieder können?'"
"Mit den Narben habe ich keine Probleme", erzählt eine 17-Jährige mit Brandwunden im Gesicht. "Je nach Tagesverfassung mag ich meinen Hintern, meine Brüste, Oberschenkel oder Wurstfinger nicht."
An den spezialisierten Zentren, wie es sie auch im Hamburger Wilhelmstift oder in München-Schwabing gibt, widmet sich ein Team von Experten den Patienten. Chirurgen versorgen die Wunden, Psychologen behandeln die Narben auf der Seele, Zellbiologen züchten neues Gewebe und Physiotherapeuten halten die Gelenke beweglich.
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Linke-Vize-Chefin Wawzyniak