Hawaii Feuerhölle im Paradies

Sie explodiert nicht und wirkt auch nicht sehr schnell. Trotzdem ist die Lava aus den Erdspalten des Vulkans Kilauea unerbittlich. Versuche, die Ströme zu stoppen, scheitern meist.

(Foto: imago/UPI Photo)

Die Eruption des Kilauea hinterlässt auf Big Island eine Schneise der Verwüstung. Und der Berg wird wohl noch weiter wüten.

Von Kathrin Zinkant

Die Hölle hat auf Big Island einen göttlichen Namen. Wenn die Erde sich öffnet und Lava in die Höhe schießt, ist dies das Werk von Pele. Manchmal weint die hawaiianische Göttin runde schwarze Tränen in die Lava, und Glasfäden im erkalteten Gestein sind ihr Haar. Für die Hawaiianer ist Pele "sie, die das Land erschafft".

Genau das tut Pele derzeit mit großem Eifer, und sie tut es mitten im Paradies. Der Ort, an dem die Feuergöttin durch den Vulkan Kilauea in den vergangenen zehn Tagen Dutzende Häuser niedergewalzt, Stromleitungen in Asche gelegt und die Straßen mit apokalyptisch wirkenden Erdspalten zerschnitten hat, war bis vor einer Woche so idyllisch und entspannt wie sonst keine Ecke auf der südlichsten und größten Insel Hawaiis.

Im abgelegenen Südosten von Big Island, dem Puna-District, wird der Aloha-Spirit ausgiebig zelebriert. Hier leben Rentner, Hippies, Schwule, Touristen und Hawaiianer in einer einzigartigen Nähe zur Natur. Und zugleich in einer Freiheit, die in den USA Seltenheitswert hat. Zwischen alten Lavafeldern wuchert dichtes, baumhohes Grün, neue Häuser und abbruchreife Hütten schmiegen sich weitläufig in den Dschungel. Am Strand wird Gras geraucht und nackt gebadet. Nachts ist die Luft von den lauten Rufen Tausender Coqui-Frösche erfüllt. Der Frosch ist zwar auch nicht heimisch hier, er wurde aus Puerto Rico eingeschleppt. Aber er passt irgendwie gut zum Paradies.

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Bloß liegt unter diesem Paradies Peles Hölle - und alle wissen es. Die derzeitigen Ereignisse sind keine Überraschung, schon gar nicht für Geologen, und der aktuelle Ausbruch ist nicht einmal ein neuer im Wortsinn, sondern die Fortsetzung einer Eruption, die mit vielen kurzen Ruhephasen bereits seit 35 Jahren andauert. Und selbst dieser Dauerausbruch reiht sich fast nahtlos an die vorangegangenen Ausbrüche des südlichsten und jüngsten Inselvulkans an. Stetig steigt Magma aus dem Erdinneren und quillt aus den derzeit aktiven Kratern des Kilauea, dem Halema'uma'u und dem jüngeren Pu'u 'O'o. Diese Kraterlava ist sehr flüssig und fließt, sobald sie über die Ränder des Kraters tritt, rasch den flachen Hang Richtung Meer hinab. "Es lässt sich sehr gut prognostizieren, welche Orte in der Nähe des Vulkans von diesen Lavaströmen betroffen sein könnten", erklärt Thomas Walter vom Geoforschungszentrum in Potsdam.

Typisch für Hawaii sind auch die magmaspeienden Erdspalten, die derzeit im Fernsehen zu sehen sind. Sie entstehen durch Magma, erklären Geologen, das während des Aufstiegs aus dem Erdmantel zunächst dichter wird und anfängt, seitwärts durch Abzweigungen unter eine lang gestreckte sogenannte Dehnungszone, englisch Riftzone, zu driften. Ein Zustand, der ziemlich instabil ist. "Magma ist nicht statisch", sagt Thomas Walter. "Es handelt sich um ein komplexes Gemisch, das unter anderem Gase enthält."

Sobald zum Beispiel Kohlendioxid daraus frei werde, verändere sich abermals die Dichte des flüssigen Gesteins. Die Folge: Es drängt weiter und tritt irgendwann dort aus, wo die Erdkruste am dünnsten ist - in der wenige Kilometer schmalen Dehnungszone, Meilen entfernt vom eigentlichen Krater. Genau dort, wo die Menschen in Puna ihre Häuser gebaut haben. Diese Lava aus den Erdspalten fließt nicht so schnell wie jene aus den Kratern. Sie türmt sich zu bröseligen Feuerzungen auf, die unaufhaltsam vorankriechen. Mitten durch das Leben der Menschen. Explosiv sind diese Ausbrüche nicht. Aber zerstörerisch auf jeden Fall.

Es gibt viele weitere Besonderheiten, welche die Vulkane der Inselkette von anderen Vulkanen wie dem Mount St. Helens im Westen der USA oder dem Vesuv in Italien unterscheiden. So sind alle 15 hawaiianischen Vulkane sogenannte Schildvulkane und vollkommen abseits der typischen Vulkanismusgebiete zwischen den Kontinentalplatten entstanden. Gespeist wurden - und werden - Hawaiis Vulkane durch eine stationäre Magmakammer im Erdmantel, über welche die Erdkruste langsam hinweggleitet.

Im Verlauf der Jahrmillionen haben sich dort auf der Kruste daher immer neue, wie an einer Kette aufgereihte Vulkane gebildet. Sie sind so flach wie umgedrehte Schilde und haben eine breite Basis am Meeresgrund. Das Gewicht der Schilde wächst mit der Zahl der Ausbrüche ins Astronomische. Es drückt zum Teil sogar den Ozeangrund ein und die Vulkane in sich zusammen. Wobei sich der Kilauea selbst auch noch auf dem Untergrund fortbewegt, zehn bis 20 Zentimeter pro Jahr. Das baut Spannungen auf, die sich als Erdbeben entladen können.

Genau das geschah wohl auch am Ende der vergangenen Woche, als parallel zu den Spalteneruptionen und Hunderten kleinerer Beben auf Big Island ein Erdbeben der Magnitude 6,9 die halbe Inselkette erschütterte. Das Zentrum dieses großen Bebens lag fünf Kilometer tief unter der Erde, genau am südlichen Grund des Kilauea. Während dieses große Beben deshalb eher nicht im direkten Zusammenhang mit den Spaltenausbrüchen steht, sind die vielen kleinen Beben während der Eruption ein Symptom der vielen Verzerrungen, die sich derzeit in der Riftzone ereignen. "Was wir anhand von Satellitenmessungen sehen können ist, dass unter der Riftzone noch einiges an Magma wartet", sagt Walter. Man könne auf den Aufnahmen außerdem frappierend gut erkennen, wie sich der Boden in der Region teils senkt, teils anhebt und in der betreffenden Zone wie durch einen Reißverschluss öffnet. "Es ist durchaus damit zu rechnen, dass dieser Ausbruch noch eine ganze Weile weitergehen wird."

Das würde auch bedeuten, dass noch mehr Menschen ihr Hab und Gut verlieren, trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse über das, was die Hawaiianer mit ihrer Feuergöttin Pele verbinden. "Die Frage, die uns Experten gerade fast am meisten beschäftigt, ist die, warum in der als vulkanisch aktiv bekannten Riftzone des Kilauea überhaupt Menschen leben dürfen", sagt Walter. Der Vulkan sei der "am besten bewachte Vulkan der Welt". Sämtliche Ausbruchsereignisse und erhobenen Daten der vergangenen Jahrzehnte hätten darauf hingewiesen, dass es in der wenige Kilometer schmalen Riftzone früher oder später zu Ausbrüchen kommen würde.

Doch vielleicht hat diese Gefahr zumindest für einen Teil der Menschen im Puna District keine Rolle gespielt - oder nicht schwer genug gewogen gegen die Lebensqualität, die dieser Teil der Insel bietet. Wenn Pele nicht gerade neues Land erschafft, ist hier schließlich das Paradies.

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