Zu spät, zu teuer und nicht gut genug: Europa musste unbedingt ein eigenes Satellitennavigationssystem aufbauen, um den Amerikanern nicht allein das Feld zu überlassen. Jetzt werden die ersten Satelliten ins All geschossen. Doch von dem gigantischen Projekt profitieren allein die Firmen, die millionenschwere Aufträge erhalten haben.
Galileo Galilei gehört zu den ganz großen Forschern, er war sogar ein Revolutionär. Europas Satellitennavigationssystem nach ihm zu benennen, zeugt daher von einem gewissen Maß an Kühnheit. Galileo, das größte Industrieprojekt der Europäischen Union seit dem Airbus, datiert aus dem Jahr 2003. Damals war man tatsächlich kühn. So kühn zu glauben, dass Europa auch ein eigenes GPS stemmen könne und nicht auf die Signale der Amerikaner oder der Russen angewiesen sei. Galileo war das Symbol für Europas Stärke.
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Ursprünglich sollte die russische Sojus-Rakete mit zwei Satelliten an diesem Donnerstag ins All geschossen werden. Jetzt wurde der Start auf Freitag verschoben. (© AFP)
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Heute jedoch wirken Mut und Stärke von damals geradezu tollkühn. Wenn von diesem Freitag an die ersten beiden von zwei Dutzend Satelliten ins All geschossen werden, kann Europa nicht zum Feiern zumute sein. Das Vorzeigeprojekt, das frühestens 2014 in einem rudimentären Zustand in Betrieb gehen wird, kommt Jahre zu spät, ist zu teuer und - verglichen mit den Konkurrenzsystemen - nicht gut genug. Die Profiteure von Galileo, das werden nicht Europas Autofahrer sein, die eine Straße suchen oder Bergsteiger, die Hilfe brauchen, sondern die Firmen, die millionenschwere Aufträge erhalten haben und werden.
Die Pleite war vorhersehbar, der Fehler liegt im System. Galileo begann als halb öffentlich, halb privates Vorhaben, als eines dieser Public-Private-Partnership, die man Anfang des Jahrhunderts modern fand. Doch die beteiligten Konzerne waren auf einem Ohr taub - sie hörten nur public statt private und kassierten Geld aus Brüssel. Das Risiko wollten sie nicht tragen. Viel zu lange ließen sich die EU-Mitgliedstaaten von den Unternehmen an der Nase herumführen, bevor sie die Reißleine zogen und Galileo zu einem öffentlich finanzierten Projekt machten.
Zu diesem Zeitpunkt hätte man Galileo noch stoppen können und auch sollen - aber Großprojekte mit vielen Beteiligten bekommen eine Eigendynamik, die nicht zu bremsen ist. Oder aber man hätte die Satellitensignale auch militärisch nutzen sollen - so wie es die Amerikaner mit GPS machen, die Russen mit Glonass und die Chinesen Compass. Das wäre vernünftig gewesen, weil Navigationssysteme zu teuer für den rein zivilen Betrieb sind. Galileos Zusatzdienste, mit denen das große Geschäft gemacht werden soll, werden sich angesichts der enormen Verzögerung nicht mehr rechnen. Dafür braucht man mehr Satelliten als derzeit im Budget eingeplant sind. Selbst wenn die EU noch Geld locker machen sollte, käme die Aufstockung zu spät - die Rivalen werden Europa in ein paar Jahren längst überholt haben.
So gut wie alles hat die EU bei Galileo falsch gemacht, das Geschäftsmodell ist grundlegend fehlerhaft. Das ist leider ein gängiges Muster, weil Politiker von Technik zu wenig verstehen. Viele nationale und europaweite Vorhaben, die in den letzten Jahrzehnten entstanden sind und von Regierungen finanziert wurden, endeten erfolglos: Den Raumgleiter Hermes, der einst Stationen im All versorgen sollte, verschwand als teure Blaupause in der Schublade; der mit Steuermitteln entwickelte Transrapid fährt zwar inzwischen in Shanghai, sein weiteres Schicksal ist jedoch ungewiss; Airbus steckte trotz Milliardensubventionen jahrelang in der Krise. Innovationen lassen sich nicht erzwingen, sie gedeihen am besten im Wettbewerb. Unternehmen müssen schnell reagieren, die Politik aber ist langsam. Es sei denn, der Staat selbst hat ein Interesse an der Anwendung: Washington steckte Milliarden Dollar in GPS, weil Amerikas Armee ein zuverlässiges Ortungssystem brauchte.
Was bleibt von Galileo? Ein Zuschussgeschäft, wie man selbst in Brüssel inzwischen offen zugibt. Und die versprochenen Milliardenumsätze? Ein Traum. Am Ende bleiben allenfalls ein paar Arbeitsplätze in der Raumfahrtindustrie - und der Trost, dass die Euro-Rettung noch teurer ist als Galileo.
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(SZ vom 20.10.2011/hgn)
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Lieber Crazyclown,
mittlerweile verlassen sich viele Piloten auf ihr GPS obwohl sie es nicht sollten. Weiterhin gibt es Bestrebungen, zivile Luftfahrt auch auf GPS umzustellen, was mit Hilfe von Galileo geschehen soll.
Weiterhin wird mittlerweile in der Industrie das GPS Zeitsignal für die Prozesssteuerung genutzt, übrigens auch viele Internetdienste nutzen dieses Zeitsignal zur Synchronisierung.
Allein für die Risikominimierung macht es Sinn ein zusätzliches GPS in Betrieb zu haben.
"Oder aber man hätte die Satellitensignale auch militärisch nutzen sollen ... . Das wäre vernünftig gewesen, weil Navigationssysteme zu teuer für den rein zivilen Betrieb sind."
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Ach, ne - das wäre billiger ?
Das wäre teuerer mit Verlaub und bezahlen täte es der Gleiche, nämlich der Steuerzahler.
(Frau Rubner, Sie wissen doch auch, dass zur Zeit der Militäretat zusammengestrichen wird. Warum dann dieses Argument ?)
Es ist mir unverständlich, wie Frau Rubner zu solchen Aussagen kommt.
Die sogenannten PPP können durchaus erfolgreich sein, wenn klar die Regeln definiert werden und eingehalten werden. Das Galileo nicht zeitgerecht gestartet werden konnte liegt auch an dem Konstrukt des Projektes. Wir haben in Europa das Kernproblem, das jedes Land mitspielen will und einen Teil des Kuchen abbekommen möchte. Das dies für die beteiligten Firmen nicht ganz einfach ist, sollte einleuchten.
Der Transrapid hätte in Deutschland fahren können, wenn der politische Willen vorhanden gewesen wäre. Jetzt zu klagen, dass daraus nichts geworden ist, ist scheinheilig.
Invovationen müssen angeschoben werden und nach einer gewissen Zeit im Wettbewerb bestehen.
Wer erwartet denn etwas anders von dieser EU-Politiker-Kaste. Was sie nicht in den Weltraum schiessen, fahren sie gegen die Wand.
Ach ja, dieser geniale freie Markt, der alles regelt! Laut dieser Theorie hätte ja auch Galileo um so Vieles billiger werden müssen, weil es doch halb privat war.
Bei Innovationen in Autos oder Mobiltelefonen mögen sie recht haben, Frau Rubner, bei Innovationen in der Größenordnung eines Systems wie Galileo bestimmt nicht. Wenn hier Marktmechanismen greifen sollen, dann müssten mehrere Unternehmen ein System auf eigene Kosten (Eigenmittel, Geld von den Börsen und von den Banken) entwickeln und dann hoffen, dass die Verbraucher das annehmen. Problem dabei ist nur: Bei Entwicklungskosten von einigen zehn Milliarden (Euro oder Dollar - ganz egal), ist die entsprechende Firma Pleite falls ihr System nicht einschlägt oder das System der Wettbewerber besser angenommen wird. Beispiel gefällig: Wie war es denn mit den Iridium- Satellitentelefonen? Oder bei deren Wettbewerbern: Globalstar, ICO Global Communications oder ORBCOMM? Alle ganz schnell in der Pleite überleben sie heute mehr schlecht als recht Dank öffentlicher Gelder (Hauptnutzer von Iridium ist die US Army).
Nei, wir brauchen eine vernünftige Innovationspolitik, ohne die wird es nicht gehen. Privatfirmen sollten dabei möglichst spät ins Boot geholt werden.
GPS gehört übrigens der Marine der USA (US Navy), nicht deren Armee. Die behält sich vor, das öffentliche Signal jederzeit zu verschmieren (so dass die Genauigkeit nachlässt) oder ganz abzuschalten, wenn es ihr genehm ist. Das wir bei Galileo nicht möglich sein. Dessen Betrieb ist garantiert. Gut, ob das die immensen Kosten rechtfertigt ist, das mag jeder selbst entscheiden.
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