Globaler Wandel Daten ohne Wirkung

Forscher berechnen immer genauer, wie viel Erdöl die Menschheit noch verbrennen darf, gleichzeitig sind SUVs und Monstertrucks extrem gefragt. Der Klimawandel nimmt Züge eines absurden Theaterstücks an - dafür sind die Wissenschaftler allerdings mitverantwortlich.

Kommentar von Patrick Illinger

Zwei große Studien haben in den vergangenen Tagen den Zustand des Planeten Erde umrissen. Die eine besagt, dass sich die Erwärmung der Atmosphäre nur in verträglichen Grenzen halten lässt, wenn die Menschheit auf einen beträchtlichen Teil fossiler Reserven verzichtet, auf riesige Mengen Öl, Gas und Kohle, die noch im Erdboden stecken. Die andere Studie erklärt anhand kritischer Grenzwerte, dass die Menschheit im Begriff ist, ihr eigenes Lebenserhaltungssystem - den Planeten - zu destabilisieren. Solche Dinge können Wissenschaftler mit verblüffender Nüchternheit und Präzision präsentieren, als ginge es um Daten eines neuen Halbleiters oder die vorklinische Erprobung eines experimentellen Wirkstoffs.

Doch genau darum geht es nicht, sondern um das große Ganze, um die Biosphäre, um uns alle. Und während die Forscher ihre Daten präsentieren, zeigt sich die Realität auf diesem bedrohten Planeten an anderer Stelle: Bei der Autoschau in Detroit waren in dieser Woche riesige SUVs und Monstertrucks der Renner. Und in Korea lief das größte je gebaute Containerschiff vom Stapel.

All diese Nachrichten nebeneinander übersteigen die Absurdität eines Theaterstücks von Samuel Beckett. Eine Farce, in der sich auch die Wissenschaft nicht mit Ruhm überhäuft. Mit der zwanghaften, aber weltfremden Präzision eines hochbegabten Autisten werden ständig neue Daten erhoben, Kohlendioxid, Temperaturkurven, Rohstoffe, Aerosole, Gletscherstände, Stickoxide, Ozeanversauerung - ohne dies mit der gelebten Realität zu verknüpfen. Sicherlich ist es nicht vorrangige Aufgabe der Wissenschaft, neue Fakten ständig in große Zusammenhänge zu verweben und Handlungsanweisungen abzuleiten. Doch sollte die Entrücktheit nicht bizarre Ausmaße erreichen, indem man auf Nachkommastellen genau errechnet, wie viel Erdöl noch verbrannt werden darf, ohne anzuerkennen, dass dies in einer freien Marktwirtschaft nicht so kommen wird.

Längst müssten Sozialwissenschaftler, Philosophen und Verhaltensökonomen mit den Klimaphysikern und Umwelttoxikologen zusammenarbeiten. Viel zu oft verhält sich die Wissenschaft wie ein Arzt, der einem Alkoholiker ständig auf Nanogramm genau dessen Konsum sowie Blut- und Leberwerte vorrechnet. Irgendwann muss man auf den Patienten eingehen, auf dessen Schwächen, dessen Bedürfnisse und mögliche Anreize für Veränderung. Wissenschaft darf sich nicht nur auf Erkenntnisgewinn beschränken, sondern muss auch Handlungsdruck erzeugen und gangbare Wege aufzeigen.