Gletscherschmelze in der Antarktis "Der letzte Umkehrpunkt liegt hinter uns"

Die Gletscherschmelze in der Westantarktis ist wohl nicht mehr zu stoppen. Wissenschaftler zeichnen ein düstes Bild für die Zukunft der Eiskappen. Die Auswirkungen für den Meeresspiegel werden mit großer Wahrscheinlichkeit gravierend sein.

Von Christopher Schrader

Sechs große Gletscher in der Antarktis haben offenbar ihren Halt verloren und rutschen unwiederbringlich ins Meer. Dessen Spiegel dürfte allein dadurch um 1,20 Meter ansteigen; der Prozess könnte aber einige Jahrhunderte dauern, wie amerikanische Forscher in zwei unabhängigen Studien aufzeigen. "Der Eispanzer der Westantarktis hat mit einem unumkehrbaren Rückzug begonnen", sagt Eric Rignot von der University of California in Irvine. Nichts könne die Gletscher noch stoppen. "Wir haben den letzten Umkehrpunkt hinter uns gelassen."

Die Studie von Rignot und seinem Team, darunter Forscher der Nasa, kombiniert viele Satellitenbeobachtungen. Die Späher haben immer wieder die Gletscher an der Amundsen-See vermessen, darunter den Thwaites- und den Pine-Island-Gletscher. Sie gelten seit Jahrzehnten als instabil, weil sie nicht auf trockenem Land ruhen, sondern in tiefen Trögen, und sich weit in den Ozean hinausstrecken. Ihren vordersten Haltepunkt haben sie auf dem Meeresgrund. Dort leckt warmes Wasser an der Basis, wie deutsche und britische Forscher mehrfach, teilweise mit einem autonomen U-Boot, gezeigt haben. Das Wasser mit Temperaturen um plus ein Grad wird vermutlich von Winden aus der Tiefe emporgezogen, die sich im Rahmen des Klimawandels verstärkt haben.

Rignot und sein Team haben zum Beispiel festgestellt, dass sich die Grenzlinie, wo sich der Pine-Island-Gletscher auf den Meeresboden stützt, zwischen 1992 und 2011 um 31 Kilometer zurückgezogen hat. Vor dieser Linie schwimmt das Eis auf dem Wasser, aber dieses Schelf wird dünner: Im Satelliten lässt sich per Radar verfolgen, wie es sich im Rhythmus der Gezeiten hebt und senkt. Je weiter die Aufsetzlinie sich zurückzieht, desto weiter kann das warme Wasser das Eis der Basis abschmelzen - ein sich selbst verstärkender Effekt (Geophysical Research Letters, im Druck).

Langfristig sind die Gletscher verloren

Hinzu kommt, dass die Grenzlinie auf einem relativ dünnen Felsrand 600 Meter unter dem Meeresspiegel ruht. Das Becken, in dem die Gletscher an der Amundsen-See liegen, wird landeinwärts wieder tiefer und liegt teilweise 1200 Meter unter Normal-Null. Zurzeit ist dieser Trog von Eis gefüllt, aber bald dürfte Wasser hinein und unter die gefrorene Masse dringen. Haltepunkte wie Inseln oder Rücken am Meeresgrund, die Gletscher in anderen Regionen festhalten, sind auf Radarbildern der Amundsen-See nicht auszumachen.

Diese in der Realität gemessenen Vorgänge vollzieht ein anderes Wissenschaftlerteam im Computer nach. Ian Joughin und seine Kollegen von der University of Washington haben den Thwaites-Gletscher im Rechner simuliert und konnten so die Entwicklung der vergangenen 20 Jahre nachstellen (Science, online). Für die Zukunft sehen auch diese Forscher einen ungebremsten Rückzug des Eises voraus. "Wir können keinen stabilisierenden Mechanismus erkennen", sagt Joughin, "alle Rückkopplungen führen dazu, dass der Gletscherrückgang sich immer weiter beschleunigt." Allerdings dürfte der Prozess im 21. Jahrhundert noch langsam bleiben. Es könnte 200 bis 900 Jahre dauern, bis der Rückgang rapide wird.

Auch Hartmut Hellmer vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven nimmt an, dass sich der Rückgang der Gletscher lange hinzieht. Dass der Vorgang irreversibel sei, wisse die Forschung bereits seit langem. Ein ähnliches Szenario hatten Potsdamer Forscher vor Kurzem sogar für die noch wesentlich stabilere Ostantarktis beschrieben. Damit aber dort am Wilkes-Basin ein Korken schmilzt, wie sie das nennen, müsste das Wasser um zwei Grad wärmer werden.