Gletschermumie Ötzi plagten aggressive Bakterien

Rekonstruktion des Eismannes Ötzi

(Foto: Südtiroler Archäologiemuseum/Ochsenreiter)

Eismann Ötzi hatte vor mehr als 5000 Jahren Bakterien im Magen, die auch den modernen Menschen peinigen. Die Mikroben könnten verraten, wie Europa besiedelt wurde.

Von Hubert Filser

Der Gletschermann Ötzi war offenbar mit dem Magenkeim Helicobacter pylori infiziert. Es sei sogar eine aggressive Variante des Bakteriums gewesen, das Magengeschwüre und Magenkrebs verursachen kann, berichten Forscher im Fachmagazin Science.

Um die Proben aus der Magenschleimhaut und dem Magen-Darm-Trakt zu entnehmen, mussten Albert Zink und Frank Maixner vom Bozner Institut für Mumien und den Iceman Ötzi erst einmal auf eine Körpertemperatur von vier Grad über Null auftauen. Normalerweise liegt die berühmte Eismumie tiefgekühlt bei etwas unter sechs Grad minus in einer Eiskammer im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. Dort kann man sie durch eine quadratische Fensteröffnung hindurch betrachten.

Die Forscher fanden in Ötzis Magen zahlreiche Spuren des Bakteriums Helicobacter pylori und konnten daraus sogar das vollständige Genom des Keims rekonstruieren. Die stäbchenförmigen Mikroben mit ihren typischen Geißeln besiedeln auch heute den menschlichen Magen. Etwa 33 Millionen Deutsche tragen das Bakterium in sich, das für zahlreiche Magenerkrankungen von Gastritis bis hin zum Magengeschwür verantwortlich gemacht wird. Doch bei der aktuellen Untersuchung ging es nicht darum, Ötzis ohnehin schon langer Krankenakte ein weiteres gesundheitliches Malheur hinzuzufügen. Es ging um den Erreger selbst. Ein derart altes Bakteriengenom ist bislang noch nie untersucht worden.

Womöglich begleitet Helicobacter pylori die Menschheit bereits seit mehr als 100 000 Jahren

Weltweit gibt es fast vierhundert verschiedene Stämme von Helicobacter pylori. Anhand von Unterschieden im Erbgut lassen sich die Keime verschiedener Bevölkerungsgruppen unterscheiden. Die heutigen europäischen Helicobacter-Keime beispielsweise sind eine Mischung alter asiatischer und afrikanischer Stämme. Anhand der Veränderungen im Erbgut der Bakterien lassen sich sogar Wanderbewegungen in der Geschichte der Menschheit rekonstruieren.

Die Forscher verglichen das Erbgut von Ötzis Bakterium mit dem heutiger Helicobacter-Varianten weltweit. Demnach entspricht Ötzis 5300 Jahre alte Bakterien-Population ziemlich exakt einem asiatischen Helicobacter und hat kaum afrikanische Anteile. Offenbar war dieser Bakterien-Typ einst auch in Europa heimisch. Dass heutige Helicobacter-Bakterien zusätzlich Gene afrikanischer Stämme enthalten, bedeutet, dass sich die europäische Bevölkerung ab dem Ende der Kupferzeit mit neuen Einwanderern vermischt hat. Es muss in den vergangenen 5000 Jahren also große Einwanderungsbewegungen gegeben haben. So könnte auch die Bronzekultur aus dem heutigen Nahen Osten nach Europa gekommen sein.

Seit wann genau Helicobacter pylori die Menschen besiedelt, ist noch unklar: möglicherweise sind es schon mehr als 100 000 Jahre. Um dies zu prüfen, und auch die Anpassungen des Keims an den Menschen genauer zu verstehen, will Zink weitere Mumien aus Asien und Südamerika auf Helicobacter-Varianten untersuchen. Vermutlich verursachte der Helicobacter pylori Ötzi selbst keine Probleme. Zumindest konnten die Forscher in der Magenwand im histologischen Befund weder Magengeschwüre noch Anzeichen für Gastritis feststellen. Allerdings war die Magenschleimhaut nach 5300 Jahren im ewigen Eis und mehr als zwei Jahrzehnten im Museum nicht mehr intakt genug, um gesundheitliche Folgen gänzlich auszuschließen. Und erste Warnzeichen gab es durchaus. Ötzis Immunsystem hatte den Eindringling bereits erkannt und Eiweißbausteine produziert, die auch in heutigen Organismen eine typische Reaktion auf Helicobacter pylori sind.