Häusliche Gewalt gegen Senioren ist nach wie vor ein Tabu: Dabei leiden Pflegebedürftige oft unter ihren Angehörigen. Aufklärung ist gefragt.
Ich weiß, dass es unverzeihlich ist", berichtete die Frau unter Tränen. "So etwas tut man nicht". Sie tat es trotzdem immer wieder: Sie schlug ihre alte, verwirrte Mutter, wenn diese widersprach oder nicht gehorchen wollte; oder wenn sie wieder in Schlappen und Morgenmantel beim Bäcker nebenan gewesen war.
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"In der häuslichen Pflege ist es oft richtig schlimm": Gewalt gegen Senioren wird immer noch tabuisiert. (© Foto: AP)
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Immer dann, wenn sie noch stärker überfordert war als üblich mit der Betreuung der kranken Frau.
Schläge gegen Menschen, die eigentlich Pflege brauchen, sind ein großes, viel zu wenig beachtetes Problem. Der Missbrauch von Kindern ist hierzulande ein Thema geworden.
Häusliche Gewalt gegen Alte dagegen ist nach wie vor Tabu. Dabei sind pflegebedürftige Alte ihren Angehörigen meist ebenso hilflos ausgesetzt wie Kinder, und die Pflegenden kommen aus der Spirale von Überlastung, Verzweiflung und Aggression kaum von allein heraus.
Auch in Pflegeheimen sei Gewalt ein ernstes Problem, "in der häuslichen Pflege aber ist es oft richtig schlimm", sagt der Münchner Sozialarbeiter Claus Fussek, der sich seit Jahren für das Thema engagiert.
Harte Zahlen gibt es kaum, und so blickt eine Umfrage aus Großbritannien nun wenigstens für einen Moment in das Leben der betroffenen Familien. Drei Psychiater vom University College London haben sich mit anderen Kollegen zusammengetan, um 220 Angehörige, die einen demenzkranken Partner oder ein Elternteil zu Hause betreuten, nach ihren Erfahrungen mit Gewaltausbrüchen zu befragen.
Alte Menschen, die an Demenz leiden, werden besonders leicht zu Opfern von Gewalt. "Die emotionale Herausforderung ist hier noch größer", sagt Gabriele Tammen-Parr vom Berliner Verein Pflege in Not - einer der wenigen Anlaufstellen für Pflegende und Gepflegte.
Die britische Studie ist noch milde ausgegangen. Man könnte fast sagen: Die Gesellschaft ist mit einem blauen Auge davongekommen. Denn nur drei der 220 Pflegenden gaben zu, auch körperlich gewalttätig zu werden. Die Hälfte von ihnen aber räumte ein, verbale und psychische Gewalt auszuüben.
Dass die wahren Zahlen viel höher liegen, glauben auch die Psychiater, die ihre Studie im British Medical Journal veröffentlicht haben. Wer mag schon zugeben, dass er seine alte Mutter anschreit, einsperrt oder auf grobe Art wäscht?
"Es ist aber gar nicht so, dass es manche gewalttätige Pflegende gibt, die von Natur aus unmoralisch sind, während andere niemals so handeln würden", betonen die Psychiater. Jeder könne in diese Situation geraten. "Im Durchschnitt werden alte Menschen zehn Jahre lang betreut. Das ist eine unendlich lange Zeit", sagt Tammen-Parr. "Darauf kann sich niemand vorbereiten."
Viele Angehörige seien von dem Gefühlscocktail, den sie erlebten, völlig überrascht. "Aber Pflege bedeutet nun einmal, dass man sich körperlich und emotional so nahe kommt, wie es oft von beiden Seiten nicht gewünscht wird." Zündstoff sei dann all das, was nie verziehen und verarbeitet worden sei. Auch die Gepflegten hätten durchaus ihren Anteil an Eskalationen.
Ungeachtet dessen wird die häusliche Pflege immer noch als Ideal gepriesen. "Wir brauchen viel mehr bezahlbare Entlastung und so etwas wie Krippen für Ältere", fordert Claus Fussek. Pflegenden würde es schon helfen, wenn sie wüssten, dass sie mit ihren Aggressionen nicht allein gelassen werden.
Der Verein Pflege in Not hat vor einiger Zeit eine Informationskampagne gestartet. Der Titel ist provokant, aber oft wahr: "Manchmal möchte ich zuschlagen."
(SZ vom 24.01.2009/cag)
Fortsetzung Kommentar 1
Bitte suchen Sie zukünftig also auch den Kontakt und die Aussagen derer, über die Sie schreiben. Anderenfalls müssen Sie mit heftigsten Reaktionen der Betroffenen rechnen, die sich zu allen Schwierigkeiten in ihrem Pflegealltag, den sie meist als "Ehrenamtliche der Nation" verrichten, von der Presse als "Schläger"diffamiert sehen.
Solche Reaktionen können nicht in Ihrem Interesse sei!
Ergänzung:
Als pflegende Angehörige habe ich meine demenzerkrankte Mutter 7 Jahre zu Hause(gerne und ohne Hiebe) betreut und 13 Jahre in Heimen begleitet.
Seit ca. 13 Jahren leite ich Selbsthilfegruppen, ich bin Heim-und Angehörigenbeirat
Im letzten Jahr war ich als Angehörige Referentin im Rahmen einer EU Konferenz in Brüssel zum Thema: "Protecting the dignity of older persons - the prevention of elder abuse and neglect"
Mit freundlichen Grüssen,
Brigitte Bührlen
Vorstandsmitglied "Wir pflegen"
www.wir-pflegen.net
Mitglied AK Forum Pflege aktuell"
www.forum-pflege-aktuell.de
Landessprecherin BY "Alzheimer Ethik e.V"
www.alz-eth.de
EU Konferenz Brüssel
http://ec.europa.eu/employment_social/spsi/elder_abuse_en.htm
Die "Alten" sind unsere Väter und Mütter, unsere Männer und Frauen, unsere Freunde, Nachbarn, unsere Mitmenschen. Morgen oder schon heute sind wir es selbst. Sie nur als "Alte" zu bezeichnen erschreckt mich.
Sozialexperten sind Experten, die von außen einen Sachverhalt analysieren, die in den Schuhen von denen sie sprechen in der Regel nie gegangen sind.
Studien sind interessant und aufschlussreich für die, die sich beruflich oder politisch mit dem Thema befassen. Für die Betroffenen haben sie wenig praktischen Wirkungseffekt.
Frau Tammen-Parr aus Berlin engagiert sich in herausragender Weise für Betroffene, A b e r ihr Verein wirkt in Berlin.
Die Berliner Kampagne ist sehr anerkennenswert. Ob sie in der Bundeshauptstadt von der Bundespolitik wahrgenommen wird?
In München gibt es das "Forum Pflege aktuell", einen Arbeitskreis gegen Menschenrechtsverletzungen an Pflegebedürftigen, die Beschwerdestelle der Stadt München u. a. Anlaufstellen.
Im Bundesgebiet gibt es Vereinigungen wie beispielsweise "HsM" (Handeln statt Misshandeln) oder "Redufix"( gegen Fixierungen von Pflegeabhängigen)
Wo bleibt die Politik, die auf Länder-und Bundesebene dieses Thema aufgreift?
"Krippen für Ältere" , diese Forderung finde ich vom Ausdruck her unsäglich, es geht nicht um Kinder oder die Wildtierversorgung im Winter, es geht um den Lebensraum und die Lebensbedingungen erwachsener Menschen mit gelebten Leben.
Fazit:
Dass es zu Gewalt in der häuslichen ambulanten Betreuung Pflegebedürftiger durch nahestehende und versorgende Personen kommt, kann nicht bestritten werden.
Dass dieses Thema aufgegriffen wird ist eminent wichtig.
A b e r bitte lassen Sie auch die Menschen zu Wort kommen, die aus
e i g e n e m E r l e b e n wissen, was es bedeutet in einer Pflegesituation zu sein.
Menschen, die wissen, wie groß die familiären, sozialen, emotionalen, bürokratischen, gesellschaftlichen, biografischen, wirtschaftlichen, kulturellen usw. Schwierigkeiten im Pflegealltag sind.
Angehörige sind keine undifferenzierte Masse, die sprachunfähig darauf angewiesen ist, dass f ü r und ü b e r sie gesprochen wird.
Angehörige sind mangels vernünftiger Unterstützungsangebote nur oft in einer schwierigen Lebenssituation.
Zukünftig werden Angehörige zunehmend die ihnen zustehenden Unterstützungsangebote für sich und die Pflegebedürftigen s e l b s t einf o r d e r n, bei allem Respekt für die derzeitigen "Fürsprecher"
Bitte suchen Sie zukünftig also auch