Bahr über Organspenden "Kein Anspruch auf Nächstenliebe"

Gesundheitsminister Daniel Bahr setzt bei Organspenden auf eine freiwillige Einwilligung der Bürger. Einen Zwang zur Entscheidung lehnt der FDP-Politiker ab, lieber will er neue Beauftragte in allen Kliniken einsetzen.

Interview: Guido Bohsem und Charlotte Frank

Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) ist erst seit wenigen Wochen im Amt. Der Debatte über eine Neuregelung der Organspende widmet er sich aus lange vorher gefasster Überzeugung.

SZ: Herr Bahr, haben Sie einen Organspendeausweis?

Bahr: Ja, den habe ich immer dabei.

SZ: Und wo?

Bahr: In meiner Brieftasche (kramt in seinem Jackett). Erst hatte ich den normalen aus Papier. Inzwischen habe ich einen modernen im Scheckkartenformat (zeigt den Ausweis) - viel praktischer.

SZ: Was hat Sie dazu bewogen, den Ausweis auszufüllen?

Bahr: Das war vor etwa zehn Jahren. Wir haben damals in der Familie viel diskutiert, was wir täten, wenn ein naher Angehöriger stürbe und keinen Spendeausweis hätte. Da habe ich mich entschieden, so einen Ausweis auszufüllen - auch um meiner Familie in so einer Situation die Entscheidung nicht aufzubürden.

SZ: War das eine Einzelentscheidung in Ihrer Familie?

Bahr: Viele sind gefolgt, aber ich musste es oft ansprechen. Dann hat die Organisation "No Panic for Organic", bei der auch ich aktiv bin, in meiner Heimatstadt Münster Arbeitgeber ermutigt, ihre Arbeitnehmer gezielt über Organspenden zu informieren. Diese Initiative überzeugte zum Beispiel meine Frau, einen Organspendeausweis auszufüllen.

SZ: Das hat ihre Frau umgestimmt?

Bahr: Ja. Wir haben oft über das Thema Organspende diskutiert, ihr Arbeitgeber hat die Informationen von "No Panic for Organic" an die Mitarbeiter geschickt, und da hat sie sich entschieden. Das zeigt, dass die Konfrontation, das ständige Werben, Aufklären und Informieren zum Erfolg führen. Für mich darf es, auch weil es um Grundwerte geht, keinen Zwang zur Entscheidung geben.

SZ: Zuletzt hat die Gesundheitsminister-Konferenz für die Entscheidungslösung votiert, bei der jeder mehrmals im Leben erklären muss, wie er zur Organspende steht. Ist das nicht vertretbar?

Bahr: Was es nicht geben kann, ist ein Zwang zur Entscheidung. Ich stelle mir das praktisch vor, wenn ich im Bürgeramt den Personalausweis abhole: Dann stehe ich in der Schlange, hinter mir warten Leute, vor mir ungeduldig der Mitarbeiter mit seinem Formular - und ich soll zu so einem Thema Stellung beziehen. Das ist keine akzeptable Situation.

SZ: Warum dann nicht auf Situationen mit weniger Druck ausweichen? Die elektronische Gesundheitskarte wird beim Hausarzt ausgefüllt. Darauf könnte die Information auch gespeichert werden.

Bahr: Das ist unser Ziel: Im Rahmen der Ausgabe der Versichertenkarte sollte über Organspende informiert werden. Aber auch hier ist mir wichtig, dass es eine freiwillige Entscheidung bleiben muss - herbeigeführt durch Information und Aufklärung.

SZ: Und was ist, wenn sich einer der Information genauso entzieht wie er sich heute schon der Entscheidung entzieht?

Bahr: Die Mehrheit der Bevölkerung würde eine Organspende in Anspruch nehmen. Wir müssen immer darauf hinweisen: Das kann nur funktionieren, wenn es genug Spender gibt.

SZ: Könnte man es also nicht als Bürgerpflicht sehen, sich einem so wichtigen Thema einmal im Leben zu stellen?

Bahr: Nach meinem Werteverständnis kann es keinen Anspruch auf einen Akt der Nächstenliebe geben. Und Organspende ist ein Akt der Nächstenliebe.