Gesundheit Wie der Klimawandel auf die Psyche schlägt

Wirbelstürme wie Harvey im August vergangenen Jahres verwüsten nicht nur Städte, sondern hinterlassen ihre Spuren auch in der Seele der Menschen.

(Foto: AFP)

Die Erderwärmung bringt nicht nur Fluten, Dürren und Stürme mit sich. Sie belastet auch die psychische Gesundheit der Menschen. Das betrifft nicht nur ferne Länder.

Von Jana Hauschild

Polarkälte in gemäßigten Breiten, während es am Polar taut. Dürren, Stürme und immer wieder Sturmfluten. Extreme Wetterereignisse mehren sich. Sie setzen nicht nur Natur und Tieren zu, sondern auch dem Menschen. Der Klimawandel bringt Verletzungen, Krankheiten, Tote. Dabei werde ein Aspekt unterschätzt, warnen Psychologen und Psychiater: Die Naturgewalten können auch das seelische Wohlbefinden aushebeln.

Was macht es mit Menschen, wenn eine Flut über ihr Zuhause rollt? Wie wirken sich Dürren auf die Lebenslust aus? Macht der Klimawandel gar psychisch krank? "Die Forschung zu den psychischen Folgen des Klimawandels steht noch am Anfang, die komplexen Zusammenhänge sind nur ansatzweise erforscht", sagt Psychologin Susanne Kraft vom Bezirkskrankenhaus Günzburg, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie II der Universität Ulm. Sie ist Mitgründerin der Allianz Klimawandel & Gesundheit, die auf die körperlichen und psychischen Folgen der Veränderungen aufmerksam machen möchte.

Konkret wird das Thema im Fall extremer Wetterereignisse wie der Hurrikan Katrina in den USA. Jeder zweite, über den der Sturm hinwegfegte, entwickelte in den folgenden Monaten eine Depression, eine Panik- oder Angststörung. Jeder sechste wies Anzeichen für eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf, eine Erkrankung, wie sie Soldaten nach einem Kriegseinsatz entwickeln oder Menschen, die gefoltert wurden.

Jedes fünfte Flutopfer klage über Depressionen, 25 Prozent litten an einer Angststörung

Nicht wenige versuchten in den Monaten nach dem Desaster ihr Leid mit Alkohol oder Drogen zu betäuben. Anderthalb Jahre nach Katrina erwogen mehr als doppelt so viele Menschen wie zuvor einen Suizid. Forscher aus Europa bezeugen mittlerweile ähnliches für Flutopfer in Großbritannien. Sie befragten ein Jahr nach der Überschwemmung im Winter 2013/2014 mehr als 2000 Flutopfer. Jeder fünfte von ihnen wies eine Depression auf, mehr als jeder vierte eine Angsterkrankung und mehr als jeder dritte eine PTBS, manche auch mehrere dieser Störungen.

Aber es sind nicht nur die plötzlichen, brachialen Ereignisse, die den Menschen zusetzen. Der Klimawandel bringt auch eine schleichende Not. So gingen vor rund zehn Jahren die Suizidraten unter australischen Bauern in Folge einer anhaltenden Dürre deutlich nach oben. Ebenso beobachten Wissenschaftler in indigenen Gemeinden der Polarregionen steigende Selbstmordraten, Sucht und Hoffnungslosigkeit.

Psychologen führen dies auch auf das sich wandelnde Klima zurück. Sowohl den Bauern als auch den indigenen Völkern entzieht die globale Erwärmung nach und nach die Lebensgrundlage. Keine Ernte, kein Job, keine Einnahmen, kein Essen, kein Leben als Farmer. Die Dürre kommt einem Identitätsverlust gleich.

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Ein Prozess, wie ihn auch die indigenen Völker erfahren, die seit Jahrhunderten in der Arktis wohnen. Jagen, fischen, ernten: Die Inuit leben mit der Natur. Sie spüren jede Veränderung in Temperatur, Böden und Eis. Und: Sie befürchten mehr denn je den Verlust ihrer Heimat. "Wir sind Menschen des Eismeeres. Wenn es aber kein Eismeer mehr gibt, wie können wir dann noch die Menschen des Eismeeres sein?", zitiert die kanadische Umweltforscherin Ashlee Cunsolo einen Inuk. Ohne das Eis zu leben, sei wie nicht atmen zu können, heißt es. Es gebe ihnen das Gefühl, verloren zu sein, oder mache sie verrückt.

Inuit-Gemeinden in Kanada haben eine bis zu elfmal so hohe Suizidrate wie andere Bevölkerungsgruppen im Land. Das ergab eine Erhebung der Organisation Inuit Tapiriit Kanatami, die Kanadas Ureinwohner vertritt. Für diese Zahlen gibt es vielerlei Gründe. Die Veränderung in der Natur, meinen kanadische Forscher, ist einer davon.

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Wissenschaftler haben mittlerweile sogar einen Begriff für das Gefühl, das entsteht, wenn einem die Heimat fremd wird oder verloren geht: Solastalgie. Angelehnt an Nostalgie soll der Begriff eine Art Heimweh umschreiben, das durch den Klimawandel ausgelöst wird. Es bedroht das Zugehörigkeitsgefühl, die eigene Identität und das Kontrollempfinden.

Die Berichte von australischen Farmen, die Erzählungen der Inuit, aber auch eine Erhebung aus Großbritannien scheinen das zu untermauern. Briten, die bei den Fluten 2013/2014 ihr Haus verloren haben, glitten eher in eine Depression und erkrankten eher an einer Angst- oder Traumastörung als andere Flutopfer, deren Heim noch bewohnbar war.