Gesundheit Schwanger, nicht krank

Frauen, die ein Kind erwarten, nehmen in Deutschland häufiger Vorsorgetermine wahr, als medizinisch notwendig wäre.

Von Werner Bartens

Eine Schwangerschaft ist keine Krankheit. Vielleicht sollte daran wieder einmal erinnert werden. Schließlich zeigt sich in einer aktuellen Studie zur ärztlichen Betreuung von Schwangeren, dass in den neun Monaten bis zur Geburt viel zu viele Tests und Untersuchungen stattfinden. Eine Erhebung an fast 1300 Frauen ergibt, dass Schwangere deutlich häufiger Vorsorgetermine wahrnehmen, als aus medizinischen Gründen vorgesehen und notwendig wäre. Beispielsweise machen Ärzte in keinem anderen Land Europas so viele Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft wie in Deutschland.

Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung wurden Frauen befragt, die bei der Barmer GEK versichert sind und zwischen November 2013 und Oktober 2014 ein Kind geboren haben. Die Expertinnen für Frauengesundheit Rainhild Schäfers, Petra Kolip und Claudia Schumann werteten die Befunde aus. So wurde bei fast 98 Prozent aller Frauen ein CTG zur Registrierung der kindlichen Herztöne geschrieben, obwohl dies gemäß den Mutterschaftsrichtlinien bei einer komplikationslosen Schwangerschaft gar nicht vorgesehen ist. Im Mittel erhielten die Frauen 6,6 CTG-Untersuchungen innerhalb der Schwangerschaft, was "im starken Gegensatz zu nationalen wie internationalen Leitlinien" steht, wie die Autorinnen betonen.

Unerheblich für die Anzahl der Tests war, ob die Schwangerschaft schwierig oder normal verlief

Bei 84 Prozent der Frauen wurden während der Schwangerschaft vier oder mehr Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, bei 49 Prozent gab es mehr als fünfmal den Test, der unter Ärzten als "Baby-Fernsehen" bezeichnet wird, weil er in dieser Häufigkeit medizinisch nicht notwendig ist. Die Mutterschaftsrichtlinien geben bei einer unkomplizierten Schwangerschaft drei Ultraschalluntersuchungen vor. Mehr als die Hälfte aller Frauen wurde mittels 3-D- oder 4-D-Ultraschall untersucht. Dabei handelt es sich um eine technische Neuerung, die ein plastischeres - manche sagen auch: ein hässlicheres - Bild ergibt, ohne dass dies diagnostische oder anderweitige Vorteile hätte.

Andere Untersuchungsverfahren kamen ebenfalls sehr häufig zum Einsatz, auch wenn ihre Indikation bei unauffälliger Schwangerschaft nicht gegeben ist und unabhängige Expertenkommissionen sogar davon abraten. Dazu gehören Vaginal-Abstriche auf Keime sowie spezielle Blutuntersuchungen, um mögliche Infektionen nachzuweisen.

Unerheblich für die Anzahl der Tests war laut Studie, ob eine Risikoschwangerschaft oder ein unauffälliger Verlauf vorlag. Vier von fünf Frauen mussten für die zumeist nicht notwendigen Präventionsmaßnahmen auch noch selbst bezahlen. Häufig fühlten sich die Frauen zu den Untersuchungen verpflichtet und ihnen war nicht klar, dass die Tests gar nicht zum medizinisch begründeten Leistungskatalog gehören.

Experten befürchten, dass die Schwangerschaft durch die vielen Vorsorgeangebote zunehmend als etwas Krankhaftes angesehen wird, das behandlungsbedürftig ist. Bei Frauen werde die Angst vor der Geburt geschürt und somit "möglicherweise auch ihr Wunsch nach einer vermeintlich sicheren Kaiserschnitt-Entbindung", sagt Studienautorin Rainhild Schäfers von der Bochumer Hochschule für Gesundheit. "Sobald eine schwangere Frau die Schwelle einer gynäkologischen Praxis übertritt, wird sie zur Patientin", schreiben die Autorinnen. "Schwangerschaft und Geburt sind längst keine physiologischen Lebensereignisse mehr, sondern können vielmehr als wirtschaftliches und soziales Event bezeichnet werden." Es gelte, Geschäfte mit der Unsicherheit von Schwangeren zu verhindern.