Von Werner Bartens

Frauen sind anders. Das wissen Männer zwar schon lange, aber die Medizin hat die Unterschiede der Geschlechter bisher vernachlässigt.

Außerhalb der Gynäkologie und Geburtshilfe fehlt vielen Ärzten das Bewusstsein dafür, dass Frauen nicht nur anders sind, sondern auch anders leiden. Um in den Heilberufen die Wahrnehmung für geschlechtertypisches Krankheitserleben zu schärfen, fand in Berlin der "Erste Weltkongress für genderspezifische Medizin" statt, der am Sonntag zu Ende ging.

Anzeige

Das G-Wort im Titel der Tagung soll betonen, dass der weibliche Körper anders funktioniert als der männliche, anders altert, anders auf Therapien reagiert und dass die gleiche Krankheit oft unterschiedlich erlebt wird.

Für Frauen hat dies manchmal handfeste Nachteile: "In Europa sterben 55 Prozent der Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen - gegenüber 45 Prozent der Männer", sagt Karin Schenk-Gustafsson vom Karolinska-Hospital in Stockholm.

"Trotzdem gilt der Herzinfarkt als typische Männerkrankheit." Die Folge: Eine Studie in Schweden ergab, dass Frauen mit Infarkt eine Stunde länger auf den Notarzt warten und im Krankenhaus 20 Minuten später behandelt werden.

Ihr Leiden gilt als nicht so dringlich, und sie bekommen weniger Medikamente. "Frauen werden in der Kardiologie zu wenig berücksichtigt, zu wenig erforscht und zu schlecht behandelt", lautet Schenk-Gustafssons Fazit.

Andere Symptome

Dies liegt auch daran, dass Frauen andere Symptome haben: Männer spüren beim Infarkt typischerweise Enge in der Brust und Schmerz in der Schulter, Frauen sind kurzatmig und erschöpft.

Vera Regitz-Zagrosek vom Deutschen Herzzentrum Berlin hat erforscht, "warum Herzen von Männern und Frauen tatsächlich anders schlagen": Bei Männern wird der Herzmuskel im Alter schneller abgebaut.

Kranzgefäße von Frauen scheinen hingegen Schädigungen besser reparieren zu können.

Bis heute sind an klinischen Studien nur zu 25 Prozent Frauen beteiligt. Das hat auch historische Gründe: Nach den Skandalen um Contergan und das Östrogen Diethylstilbestrol, das bei Töchtern behandelter Frauen Krebs auslöste, wurden mehr Männer rekrutiert.

Immerhin gibt es Fortschritte. "Man muss heute nicht mehr wie vor 15 Jahren einklagen, dass Frauen in der Medizin berücksichtigt werden", sagte Vivian Pinn von den amerikanischen Gesundheitsinstituten, die Mitte der neunziger Jahre die Womens Health Initiative (WHI) begründet haben. "Inzwischen konzentrieren wir uns darauf, die Geschlechtsunterschiede in der Versorgung herauszuarbeiten."

Die WHI-Studien an mehr als 160.000 Frauen zwischen 50 und 79 Jahren gehören zu den größten Untersuchungen weltweit. Sie erfassen, wie sich Ernährung, Vitamine und Hormone auf Herzleiden, Krebs und Osteoporose auswirken. 2002 deckte eine WHI-Studie auf, dass die Hormontherapie Frauen in den Wechseljahren mehr schaden als nutzen kann.

Womöglich muss die genderspezifische Medizin auch vernachlässigte Männer erforschen. Beispiel Brustkrebs: Jedes Jahr erkranken hierzulande etwa 400 Männer, 180 sterben. Zwar ist Brustkrebs bei Frauen hundertmal häufiger, 48.000 erkranken jährlich, 18.000 sterben.

Doch Männer haben eine schlechtere Prognose, da die Diagnose später gestellt wird. Kaum ein Arzt denkt daran, dass Männer von dem Leiden betroffen sein können.

Leser empfehlen 

(SZ vom 27.2.2006)