Soll ich heiraten - oder nicht? Oft müssen wir Ereignisse mit unbekanntem Ausgang einschätzen. Entscheidungsforscher Ralph Hertwig erläutert, wie man bessere Ergebnisse erzielt.
Ralph Hertwig ist Professor für Kognitions- und Entscheidungsforschung an der Universität Basel. Er und sein Kollege Dr. Stefan Herzog haben zusammen eine Methode entwickelt, mit der einzelne Menschen zutreffendere Aussagen über zukünftige oder unbekannte Ereignisse machen können - und ihre Ergebnisse vor kurzem veröffentlicht. Im Interview erläutert Hertwig, wie das funktioniert - und bei welchen Problemen die Methode helfen kann.
Bild vergrößern
Kann mir allein die Weisheit der Vielen helfen? Ja, sagen die Basler Entscheidungsforscher - wenn es sich um eine quantitative Frage handelt. (© Foto: iStock)
Anzeige
sueddeutsche.de: Sie haben herausgefunden, wie Individuen unbekannte Ereignisse besser beurteilen können - indem sie die sogenannte Weisheit der Vielen für sich nutzen. Was hat es damit auf sich?
Ralph Hertwig: Die Weisheit der Vielen ist ein seit langem bekanntes Phänomen. Es zeigt sich beispielsweise beim Publikumsjoker bei "Wer wird Millionär?". Die Mehrheitsmeinung der Zuschauer liefert einen guten Hinweis auf das richtige Ergebnis. Wichtig dabei ist, dass eine gewisse Vielfalt in den Antworten vorhanden sein muss. Man sollte eine Gruppe so zusammensetzen, dass nicht jeder die gleiche Meinung hat.
sueddeutsche.de: Die Weisheit der Menge setzt immer voraus, dass es mehr als eine Person gibt - zum Beispiel eben die Zuschauer bei "Wer wird Millionär?". Wie können nun einzelne Personen das Prinzip für sich nutzen?
Hertwig: Unser Ausgangspunkt war die Frage, ob man die Weisheit der Vielen in das individuelle Gehirn projizieren kann. Kann der Einzelne davon profitieren, dass er selber möglicherweise unterschiedliche Ansichten hat?
Ein einfaches Beispiel: Wenn man jemanden fragt: "Wann hat der Erste Weltkrieg begonnen?" - und der weiß das nicht genau und schätzt 1912. Dann soll derjenige seine Antwort noch einmal überdenken und schätzt möglicherweise beim zweiten Mal 1916. Und wenn man die beiden Schätzungen zusammennimmt, stellt man fest, dass man im Mittel gut liegt - also bei 1914.
sueddeutsche.de: Sie erzeugen also einen Wechsel der Perspektive?
Hertwig: Genau, die Frage ist jedoch wie. Wie kann ich innerhalb der gleichen Person Variabilität herstellen? Denn man könnte ja erwarten, dass eine Person, die die Temperatur von morgen auf 30 Grad schätzt, in fünf Minuten, wenn ich sie noch mal frage, wieder 30 Grad sagt. Und dann habe ich genau das gleiche Problem: keine Variabilität in den Antworten.
Man kann der Person aber durch bestimmte Instruktionen auf die Sprünge helfen. Zum Beispiel: "Gehen Sie einmal davon aus, dass Ihre Anfangsannahmen falsch waren. Gehen Sie noch einmal durch die Argumente durch, die Sie am Anfang möglicherweise weniger beachtet haben, die aber vielleicht doch wichtig sein könnten, und geben Sie erneut eine Schätzung ab." Wir haben dies die "Unterstelle mal das Gegenteil"-Strategie genannt.
sueddeutsche.de: Doch wie komme ich zu relevanten Annahmen? Ich kann ja den Beginn des Ersten Weltkriegs auch zuerst auf 1933 schätzen und dann auf 1945. Muss nicht zumindest ein rudimentäres Vorwissen vorhanden sein?
Hertwig: Das ist richtig. Um durch das Verfahren mehr als einen Zufallsgewinn zu erzielen, muss schon ein Wissensfetzen da sein. Doch der Knackpunkt ist ein anderer: Wichtig ist, dass ich mit meiner zweiten Schätzung auf die gegenüberliegende Seite des gesuchten Werts - zum Beispiel der Zeit vor oder nach Beginn des Ersten Weltkriegs - gelange. Denn dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ich bei der Durchschnittsbildung ein besseres Ergebnis erziele.
Angenommen, der gesuchte Wert ist 100. Nun schätzt eine Person zuerst 110. Beim zweiten Schätzwert wird es nun interessant: Wenn dieser Wert größer als 110, dann wird der Durchschnitt schlechter als der erste Schätzwert. Wenn aber die zweite Schätzung sich in die Richtung des gesuchten Werts verändert oder diesen unterschätzt, dann kann diese Unterschätzung fast bis auf 70 heruntergehen - und jeder gebildete Mittelwert wäre immer noch besser als der erste Schätzwert. Das bedeutet: Ich habe einen sehr, sehr großen Gewinnbereich. Ich muss also bei der zweiten Schätzung auf die andere Seite des gesuchten Datums oder Wertes kommen - wenn das gelingt, gibt es einen großen Wertebereich, der zu einem besseren Durchschnitt führen würde.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Linke-Vize-Chefin Wawzyniak
Ich verstehe nicht, warum immer alle rumlästern müssen über Artikel, die sie nicht interessieren, und die auch noch gratis sind wie diese Online-Artikel. Außerdem geht es hier nicht um die Weisheit der vielen, sondern um deren Übertragung auf den Einzelnen. Ich kannte das noch nicht und finde es interessant.
So, das wollte ich mal loswerden. Jetzt können sich die Statistiker wieder melden. Übrigens gibt es statistisch bei eine größeren Anzahl von Artikeln immer im Mittel immer sounsoviele, die uninteressant sind.
... über Wahrscheinlichkeitstheorie oder direkt beim alten Gauss oder womöglich schon bei den alten Ägyptern...
Das ist im Prinzip nichts Neues. Eine ausfuehrliche Diskussion dieses Konzepts findet man z.B. in
"The Wisdom of Crowds: Why the Many are Smarter Than the Few and How Collective Wisdom Shapes Business, Economies, Societies and Nations", James Surowiecki (2004); siehe www.amazon.com
"Ob das gleiche Prinzip hier allerdings auch von einem Einzelnen anwendbar ist, ist im Moment unklar. Das ist eine Frage, an der wir arbeiten."
Herr Hertwig, sie müssen die Frage anders stellen: Wie groß ist denn die Wahrscheinlichkeit, daß uns die Frage klar wird?
Vielleicht sollten wir zusammen mal eine Gruppe "Gegen das Dummschwätzen mit Zahlen / blödsinnige Interpretationen von Daten et al." aufmachen? Mir geht der mangelnde Sachverstand speziell auch mancher Redakteure schon lange auf den Keks...
Paging