Geoengineering Warnung vor dem Klima-Pfusch

Algenteppich vor der ostchinesischen Küste: künstlich angelegt, sollen die Organismen Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnehmen - und nach ihrem Tod mit in die Tiefe nehmen.

(Foto: AFP)

Algenteppiche und künstliche Vulkanpartikel: Anstatt über mehr Klimaschutz zu verhandeln, wollen manche die Erde kühlen. Doch für "Climate Engineering" ist es noch zu früh.

Von Christopher Schrader

Technische Eingriffe ins Klimasystem mit dem Ziel, die Erde vor weiterer Erwärmung zu bewahren oder gar zu kühlen, sind in den kommenden Jahrzehnten unpraktikabel. Daher scheidet das sogenannte Geo-Engineering bis zur Mitte dieses Jahrhunderts als Element einer Klimaschutz-Politik aus, ist ein großes, internationales Team von Experten überzeugt.

"Wenn man damit voreilig beginnt, verfehlen die Eingriffe entweder ihre Wirkung oder lösen unerwartete Nebenwirkungen aus", sagt Mark Lawrence vom Institut für Nachhaltigkeitsstudien in Potsdam, der Koordinator des Eutrace genannten Forschungsprojekts. "Ein nicht abgestimmter und nicht demokratisch legitimierter Einsatz könnte gesellschaftliche und im Extremfall sogar militärische Konflikte auslösen." Das Forscherkonsortium aus Frankreich, Norwegen, Österreich, Großbritannien und Deutschland hat seinen Bericht vergangene Woche in Berlin vorgelegt.

Die Experten plädieren dafür, bereits jetzt die internationale Diskussion über ein Abkommen zu beginnen, um Maßnahmen des sogenannten Geoengineerings zu regulieren. Es bedürfe einer womöglich jahrzehntelangen Debatte in den Gesellschaften, damit sie mutwillige Eingriffe in das Klima gutheißen.

Für die Speicherung von Kohlendioxid fehlt die Infrastruktur

Rein technisch gesehen fallen die Ideen für die Klimaregulation in zwei Kategorien. Die erste umfasst Verfahren, Kohlendioxid aus der Atmosphäre zu entnehmen. Das könnte zum Beispiel geschehen, indem Algen der Meere mit Eisen gedüngt werden, damit sie sich stark vermehren, dabei CO2 aus der Atmosphäre entnehmen und es nach ihrem Tod mit die Tiefe nehmen. Dieses Verfahren ist bereits mehrmals getestet worden, viele Experten sehen die Versuche als gescheitert an.

In die gleiche Kategorie fällt der Vorschlag, verstärkt Energie aus Biomasse zu erzeugen. Beim Verbrennen müssten Kraftwerke das von den Pflanzen der Atmosphäre entnommene Kohlendioxid auffangen und tief in der Erde speichern. Diese CCS genannte Technik ist bislang im Zusammenhang mit Kohlekraftwerken diskutiert worden; in Deutschland und anderen Ländern gibt es dagegen massiven Widerstand. Selbst wenn dieser schwinde, mache eine dann BECCS genannte Technik große Probleme, sagt Mark Lawrence. "Sie hätte erst dann signifikante Wirkung auf das Klima, wenn es eine internationale Infrastruktur gibt, deren Größe etwa der Mineralölindustrie entspricht." Diese aufzubauen, dauere Jahrzehnte.

Die zweite Kategorie möglicher Eingriffe soll das auf der Erde ankommenden Sonnenlicht schwächen. Vorbild dafür sind Vulkanausbrüche, die große Mengen Schwefelpartikel in hohe Schichten der Atmosphäre katapultieren und so die Erde abkühlen. Dieser Effekt ließe sich womöglich technisch erzielen, wenn Flugzeuge oder Höhenballons solche Partikel freisetzen. "Die Idee klingt einfach, aber wenn man weiterdenkt, stößt man auf viele Probleme und Unwägbarkeiten", sagt Lawrence. So dürften zwar die Temperaturen sinken, aber das CO2 in der Luft würde weiterhin die Niederschläge verändern und die Meere versauern lassen.

Warnung vor Alleingängen

Die Wissenschaft brauche noch Jahrzehnte, die Effekte genau zu verstehen. Sollte eine Nation vorher im Alleingang damit anfangen, etwa um sich von der Reduktion seiner CO2-Emissionen freizukaufen, dürften sie massive internationale Sanktionen treffen, so die Eutrace-Forscher. Es könnte sogar sein, dass Ballone mit Schwefelpartikeln von anderen Staaten abgeschossen würden. "Die Politikwissenschaftler in unserer Gruppe halten die Gefahr, dass sich eine Nation dem aussetzt, für relativ gering", sagt Lawrence. Ein gescheiterter Alleingang könnte zudem dazu führen, dass die Menschen auch Grundlagenforschung zur Klimawirkung von Partikeln in der Atmosphäre ablehnen.

Die Absage an die Techniken sei nicht absolut zu verstehen, so die Wissenschaftler. Geo-Engineering solle weiter erforscht werden, für den Fall, dass die Welt es von 2050 an brauche. Die Beschäftigung mit den Verfahren dürfe sich nicht auf Technik und Naturwissenschaft beschränken; die internationale Debatte über Akzeptanz und Regulierung müsse gleichzeitig beginnen. Mark Lawrence ist optimistisch: "Selten hat so früh wie diesmal eine interdisziplinäre Diskussion über eine Technologie begonnen. Hier sehe ich eine Chance, betroffene Gruppen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft rechtzeitig einzubinden."