Cibus-Raps Gentechnik im Tarnmodus

Gentechnik ist ein kontroverses Thema: Jetzt hat sich der Streit an einer neuen Rapssorte der US-Firma Cibus entzündet .

(Foto: Armin Weigel/dpa)
  • Eine neue Rapssorte der US-Firma Cibus sorgt für Streit in Europa. Bislang ist unklar, ob die Pflanze unter die europäische Gentechnik-Gesetzgebung fällt oder nicht.
  • Die Technik ähnelt einer klassischen Züchtung: Im Erbgut der Pflanzenzellen werden Mutationen ausgelöst. Dies geschieht mithilfe künstlich erzeugter DNA-Abschnitte, sogenannter Oligonukleotide.
  • Kritiker befürchten, die Technologie könne die Kennzeichnungspflicht für die Grüne Gentechnik im Handel aushebeln.
Von Christoph Behrens

Eine neue Technik zur Manipulation von Pflanzenzellen befeuert den Streit zwischen Gegnern und Befürwortern der Grünen Gentechnik. Die Kritiker fürchten, dass dank der Methode bald gentechnisch veränderte Lebensmittel ohne Kennzeichnung in den Handel gelangen könnten. Die Befürworter betrachten das Verfahren gar nicht als Gentechnik, weil es zwar Mutationen im Pflanzen-Erbgut auslöst, aber keine fremden Gene hinzufügt.

Entzündet hat sich der Streit an einer neuen Rapssorte der US-Firma Cibus. Die Ölpflanze ist genetisch so verändert, dass sie sich nun unempfindlich gegenüber einem Unkrautvernichtungsmittel zeigt. Ein gezielter Eingriff ins Erbgut, und damit Gentechnik, könnte man vermuten. Doch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) sieht es anders. Die Rapslinien seien "keine gentechnisch veränderten Organismen im Sinne des Gentechnikgesetzes", erklärte die Behörde auf eine Anfrage von Cibus, und signalisierte grünes Licht für mögliche Freilandversuche in Deutschland. Konkrete Versuche sind zwar noch nicht geplant, die Firma will bislang vor allem erkunden, wie wohlmeinend die Europäer die Technik grundsätzlich sehen. Bislang ist der Zuspruch erstaunlich: Widersprüche von Umweltverbänden wies das BVL als unzulässig und unbegründet zurück.

Der neue Eingriff lässt Grenzen zwischen Züchtung und Gentechnik verschwimmen und ist auch rechtlich gesehen Neuland. Forscher schleusen für die "Oligonukleotid-gesteuerte Mutagenese" (ODM) künstlich erzeugte kurze DNA-Abschnitte in die Pflanzenzelle ein, die zu bestimmten Genen der Pflanze passen, aber ganz bewusst einen Fehler enthalten. Dieser Fehler - nicht die künstliche DNA - wird von der Pflanze in das eigene Gen übernommen. Die Technik imitiert also die Evolution: Sie löst Mutationen aus, die in der Natur in jedem Organismus zufällig auftreten - und die seit Jahrzehnten auch von Pflanzenzüchtern herbeigeführt werden. Bislang nutzten die Züchter dazu aber Chemikalien oder radioaktive Strahlung. Weder die Zahl noch der Ort der Mutationen ließ sich steuern. Mit dem neuen Verfahren können die Forscher die erwünschten Eigenschaften direkt herbeiführen.

Gegner warnen vor der Gentechnik durch die Hintertür

Die Cibus-Forscher betrachten ihren Raps deshalb als Resultat einer klassischen Züchtung mit modernen Mitteln. Das aber hieße, dass ODM-Pflanzen nicht unter das strenge Gentechnikgesetz fallen. Ein Cibus-Rapsöl müsste im europäischen Handel nicht als "aus gentechnisch verändertem Raps" gekennzeichnet sein. Der Verbraucher würde nicht abgeschreckt. Wäre das richtig - oder Irreführung?

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"Diese Züchtungstechnik ist unserer Meinung nach klar Gentechnik", sagt Annemarie Volling vom Verein Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. Volling und andere Gegner fürchten einen "Türöffner-Effekt" für ähnliche Produkte in Europa. Die in die Pflanzenzellen eingeschleusten DNA-Schnipsel seien künstlich im Labor erzeugt und die Auswirkungen im Erbgut kaum untersucht, betonen die Kritiker. Daher müsse die Technik genauso streng reguliert werden, wie jede herkömmliche genetische Manipulation.

Bleibt die Frage, ob die Einteilung in natürlich oder künstlich überhaupt noch zeitgemäß ist. Für die Umweltverträglichkeit sei maßgeblich, ob man unerwartete Veränderungen der Pflanze abschätzen kann, erklärt Jörg Landsmann vom Julius KühnInstitut. Kreuze man zwei Pflanzensorten traditionell, würden um die 1000 Gene zwischen den Sorten ausgetauscht, aber nur drei bis vier der Transfers ließen sich am Aussehen der Pflanze erkennen. Was eine Kreuzung noch so im Erbgut bewirkt, wisse man schlicht nicht. Dies sei bei der ODM-Methode anders, sie ähnele einem chirurgischen Eingriff. "Deshalb ist auch die Sicherheit der Analyse höher", sagt Landsmann. Er rät zu Gelassenheit. "Die Evolution hat sich bewährt, Sachen auszuschließen, die für die Umwelt und den eigenen Organismus schädlich sind."

Klarheit muss nun der Gesetzgeber schaffen. Derzeit verhindert eine Klage eines Umweltverbands, eines Saatgutunternehmens und einer Ölmühle, dass der BVL-Bescheid zu den Freilandversuchen rechtskräftig wird. Traditionelle Züchter wollen die US-Gewächse verhindern, schon aus finanziellem Interesse, aber auch, weil sie eine Verunreinigung ihres Saatguts durch mögliche Gentechnik-Pflanzen fürchten. Schützenhilfe erhalten sie von der EU-Kommission. In einem Schreiben warnt die Kommission die Mitgliedsstaaten vor einer eigenmächtigen Freisetzung von Saatgut, das mithilfe der oligonukleotid-gesteuerten Mutagenese erzeugt wurde - eine klare Mahnung an das BVL. Brüssel will die neuen Techniken zunächst rechtlich bewerten. Die Fronten erscheinen verhärtet. Auf Anfrage erklärt das BVL, das Schreiben aus Brüssel sei kein Verbot, sondern lediglich "eine Bitte".

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