Eine Debatte solcher Schärfe war ihm fremd. Erst nach und nach erfuhr er, dass viele seiner Projekte am Londoner King's College hier verboten sein würden. "Die Umstände in Deutschland sind wirklich eine Herausforderung für mich", sagt Adjaye. Jedes Vorhaben muss gut begründet sein und einem hehren Forschungsziel dienen. Nur dann erlaubt das Robert-Koch-Institut, embryonale Stammzellen zu verwenden.

Bild vergrößern

Stammzellforschung (© Grafik: sueddeutsche.de)

Anzeige

Adjaye sucht nach jenen Genen, die am Ursprung des Lebens bedeutend sind, die Stammzellen so besonders machen. Das könnte helfen, gewöhnlichen Körperzellen das Potential der wandlungsfähigen Stammzellen zu verleihen.

Die Zellen, die er braucht, sind heute im Internet zu kaufen. Doch Adjaye darf nur Zellen importieren, die es schon 2002 gab. "Diese alten Zellen sind für viele Forschungsarbeiten nicht mehr zu gebrauchen", klagt er. Sie seien zum Beispiel mit tierischem Material verunreinigt. Schon deshalb könnten sie nie als Medizin für Menschen dienen. Wie die meisten seiner Kollegen hofft er, dass die Parlamentarier den Stichtag zumindest auf Mai 2007 verschieben. Im Grunde ist er für eine völlige Freigabe dieser Zellen, "aber das zu hoffen, ist unrealistisch", sagt Adjaye.

Die Menschen müssten besser Bescheid wissen, denkt Adjaye. Dann hätten sie nicht solche Vorbehalte. Gerne würde er sie alle mit embryonalem Anschauungsmaterial versorgen, im Glauben, dass das ihre ethischen Bedenken zerstreuen würde. Es ist nicht lange her, da kam ein junger Mann wütend in sein Labor. Berlin feierte die Lange Nacht der Wissenschaften, auch James Adjaye hatte seine Labortüren geöffnet.

Aufgebracht blickte der Mann durchs Mikroskop auf Adjayes Stammzellen: "Wo sind sie denn nun, die Embryo-Zellen?", fragte er ungehalten. Diese unscheinbaren Häufchen, das war alles? Den Besucher hätten erst recht die Embryonen enttäuscht, aus denen Adjayes Zellen stammen. Ein wenige Tage alter Embryo hat keine Augen, keine Arme, keine Beine. Er ist eine Kugel, gerade so groß wie der Punkt am Ende dieses Satzes.

Nach sieben Jahren in Berlin hat sich Adjaye in gewisser Weise gewöhnt an die Bedenken vieler Deutscher. "Ich habe das politische System wirklich kennengelernt", sagt er, lächelnd, wie meist. Ans Weggehen denkt er nicht. Adjaye ist es gewöhnt, sich durchzubeißen.

Das lernt man, wenn man als Junge aus Ghana in England Fuß fassen muss. Größer als die abschreckende Wirkung der Gesetze und Anträge ist für ihn die Anziehungskraft des Berliner Max-Planck-Instituts. Er ist hier wegen dieser Forschungsstätte, an der Wissenschaftler exzellente Beiträge zur Erforschung dessen leisten, wie die Gene des Menschen funktionieren.

In einem kaum 30 Quadratmeter großen Raum werkelt Adjayes kleines Team. Sieben junge Leute aus aller Welt. Jeder hat nur einen lächerlich winzigen Schreibtisch, der neben dem Computerschirm gerade noch einem Stapel Unterlagen Platz bietet. An den Labortischen, die die Raummitte ausfüllen, müssen die Forscher aufpassen, dass sie einander nicht auf die Füße treten. Die "Bänke", wie sie im Forscherjargon heißen, sind überfüllt mit all dem bunten Plastik, ohne das die Wissenschaft nicht mehr auskommt. Die Reize des Max-Planck-Instituts sehen nur Kenner: Sie liegen in seinen Maschinen, dem Hightech, den hier etablierten Methoden, sagt Adjaye - und in den klugen Köpfe der rund 1500 Mitarbeiter.

Von Eicheln und Bäumen

Adjaye hat ein gewisses intellektuelles Verständnis für die Vorbehalte, die Sorgen, die es hier gegenüber der Stammzellforschung gibt. Doch im Innern sind ihm die Bedenken fremd. "Ein Embryo in diesem Stadium ist doch kein Mensch", sagt er. Auch wenn eine Eichel alles Potential hat, eine gigantische Eiche zu werden, so sei die Eichel doch kein Baum.

In London hat er das nicht erlebt, die schweren Vorwürfe, das Unverständnis für die Position des Anderen und die hitzigen Debatten, denen er nun wieder folgen wird. "Manchmal empfinde ich die Angriffe als Beleidigung", sagt Adjaye, und dann blitzt es doch wütend aus den sonst freundlichen Augen. "Ich töte doch nicht. Ich bin ein guter Bürger, halte mich an die Gesetze und mache meinen Job." Bleiben wird er, egal wie die Abgeordneten entscheiden. "Berlin ist so idyllisch", sagt er.

Sie sind jetzt auf Seite 2 von 2

  1. Forschen im Grenzbereich
  2. Sie lesen jetzt Forschen im Grenzbereich
Leser empfehlen 

(SZ vom 11.04.2008/mcs)