Gemischte Gefühle: Langeweile Windstille der Seele

Die Langeweile-Forscher können uns erklären, wieso die Zeit manchmal dahinzukriechen scheint. Ihre Ergebnisse lesen sich dem Thema entsprechend fad - und erklären doch, welche Leistungen das Gefühl ermöglicht.

Von Katrin Blawat

Dies ist ein Auszug aus einem preisgekrönten Text, erschienen am 16. Juli in der New York Times: "Ich legte mein Nachthemd unter das Kissen. Er kontrollierte sein Handy, und dann saßen wir da und betrachteten uns. Er hatte ein nettes Gesicht. "Ich bin Marcia", sagte ich. "Ich bin Igor", sagte er." Man kann das Zitat hier guten Gewissens beenden, denn Spannenderes als in diesen Sätzen erfährt der Leser im gesamten Artikel nicht.

Was empfinden Menschen, wenn sie sich langweilen? Das ist eine nur scheinbar einfache Frage.

(Foto: ddp)

So sah es der Journalist Michael Kinsley, der im Internet-Magazin The Atlantic Wire im Sommer einen Wettbewerb um den langweiligsten Text in amerikanischen Zeitungen ausgerufen hatte. Gewonnen hat "Strangers on a Train", die Schilderung einer Zugfahrt von Moskau nach St.Petersburg. "Falls sie irgendeine Anspielung auf Sex oder überhaupt etwas Interessantes enthält, ist es wirklich zu subtil für mich", begründete Kinsley die Preisvergabe.

Man muss Kinsley zustimmen, der prämierte Beitrag ist beeindruckend fad. Doch wer sich wissenschaftlich mit dem Gefühl der Langeweile beschäftigt, der kürt insgeheim weitere Sieger. Zum Beispiel das "Handbook of Emotions" mit der erfrischend klaren Aussage, Langeweile ließe sich durch Aufregung reduzieren.

Preisverdächtig sind auch jene Wissenschaftler, die über Langeweile im Unterricht forschen und schreiben: "Als Langeweile-Ursachen wurden mit Abstand am häufigsten Aspekte der Unterrichtsgestaltung genannt." Zwei Sätze weiter: "Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass (...) die Unterrichtsgestaltung ausschlaggebend für das Langeweileerleben ist." An anderer Stelle heißt es: "Durch Interviews hat man herausgefunden, dass Langeweile negativ mit Aufmerksamkeit korreliert."

"Finden Sie das spannend?" Thomas Götz, Erziehungswissenschaftler an der Universität Konstanz und Autor der oben zitierten Veröffentlichungen, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

"Langeweile ist eine sehr komplexe Emotion. Sie ist deutlich vielschichtiger als etwa Angst und Freude, das macht sie interessant", sagt er. "Die Emotion tritt sehr häufig bei Schülern auf. Viele berichten aber, dass sie oft so täten, als langweilten sie sich nicht, um keine Schwierigkeiten mit den Lehrern zu bekommen. Langeweile ist also sehr präsent, aber oft nicht zu bemerken."

Götz' Verdienst ist es, dass wenigstens einige Eckdaten über diese Emotion bekannt sind, die vor allem Schüler millionenfach erleben. Genauer gesagt, in einem Drittel der Unterrichtszeit, wie der Konstanzer Forscher vor mehreren Jahren in einer Umfrage unter Fünft- bis Neuntklässlern erfahren hat.