Geheimnisvolles Dokument Was das Voynich-Manuskript mit Mexiko zu tun hat

Seite aus dem Voynich-Manuskript

Auch der NSA ist es nicht gelungen, den mindestens 400 Jahre alten Text zu entschlüsseln: Zwei US-Wissenschaftler wähnen sich nun auf einer neuen Spur. Sie vermuten, das legendäre Voynich-Manuskript sei zum Teil in der Sprache der Azteken verfasst worden.

Von Markus C. Schulte von Drach

Geheimnisvolle Schriften üben auf viele Menschen eine unwiderstehliche Faszination aus. Anders lässt es sich nicht erklären, dass Laien und Fachleute auch nach 400 Jahren vergeblicher Versuche, den Text des "Voynich-Manuskriptes" zu entschlüsseln, noch immer nicht aufgegeben haben.

Dieses Dokument, dessen Papier Forscher mit der Radiokarbonmethode auf die erste Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert haben, enthält 104 Blätter, beschrieben mit unbekannten Symbolen und bemalt mit seltsamen Pflanzen und Diagrammen.

Es gibt Hinweise darauf, dass es sich im 16. Jahrhundert im Besitz des Kaisers Rudolf des II. befand und Teil der Bibliothek des Jesuitenordens in Rom wurde. 1912 stieß der Londoner Büchersammler Wilfrid Michael Voynich in einer Villa in Frascati, Italien, auf das Buch. Seit seiner Entdeckung haben sich unzählige Experten und sogar der US-Geheimdienst NSA an der Entschlüsselung versucht. Bislang vergeblich.

Nun haben zwei US-Amerikaner eine "Vorläufige Analyse der Botanik, Zoologie und Mineralogie des Voynich-Manuskripts" veröffentlicht. Und ihre These ist ziemlich steil: Der Text soll im 16. Jahrhundert in einer mittelamerikanischen Indianersprache niedergeschrieben worden sein.

Erschienen ist ihre Arbeit in HerbalGram, dem Journal des American Botanical Council (ABC). Eigentlich beschäftigt sich diese Organisation mit dem medizinischen Nutzen von Pflanzen und Kräutern. Zum Jubiläum der Zeitschrift, von der jetzt die 100. Ausgabe erschienen ist, hat der ABC nun Arthur O. Tucker, Botaniker und ehemals Professor an der Delaware State University, und Rexford H. Talbert, einem früheren Informatiker der Nasa und des Pentagon, Gelegenheit gegeben, ihre Idee vorzustellen.

Den Forschern war aufgefallen, dass Zeichnungen der unbekannten Pflanzen in dem Manuskript an botanische Darstellungen aus dem 16. Jahrhundert erinnern. So entdeckten sie eine große Ähnlichkeit zwischen einer Zeichnung einer Prunkwinde (Ipomoea murucoides) aus Guatemala und Mexiko im Codex Cruz-Badianus aus dem Jahre 1552 - einer Beschreibung von Heilpflanzen, die von den Azteken in Mexiko verwendet wurden - und einer Pflanze im Voynich-Manuskript.

Neugierig geworden, überprüften sie weitere mögliche Übereinstimmungen - und stellten fest, dass 37 der 303 Pflanzen in dem geheimnisvollen Dokument mittelamerikanische Pflanzen darzustellen scheinen. Darüber hinaus meinen die Wissenschaftler, sechs Tiere identifiziert zu haben - darunter den Alligatorhecht (Atractosteus spatula), den Montezuma-Zwergflusskrebs (Cambarellus montezumae) und den Ozelot (Leopardus pardalis).

Besonders hilfreich für eine Entschlüsselung des Manuskripts könnte Tucker und Talbert zufolge sein, dass einige der Bezeichnungen der Pflanzen sich mehr oder weniger eindeutig übersetzen lassen in die Dialekte des Nahuatl, der Sprache der Azteken.

Es würde sich dann tatsächlich um ein Dokument wie den Codex Cruz-Badianus handeln. Ähnlichkeiten zwischen diesem und weiteren Dokumenten aus der Zeit und dem Voynich-Manuskript sind nicht von der Hand zu weisen. Und nach der Eroberung Mexikos durch die Spanier wurde die Sprache Nahuatl auch mit lateinischen Buchstaben aufgeschrieben. Im den rätselhaften Schriftzeichen des Voynich-Manuskripts wollen die beiden Wissenschaftler nun Worte identifiziert haben, die dem klassischen Nahuatl, dem Mixtekischen - einer weiteren ursprünglichen Sprache in Mexiko - und dem Spanischen entlehnt sein könnten.

Kritik an der neuen Hypothese

So interessant die Idee ist, so skeptisch sind andere Experten. "Wir stecken bis zum Hals in Hypothesen, die plausibel klingen", schreibt etwa der Brite Nick Pelling, der einen Blog zum Voynich-Manuskript betreibt. Aber fast alle würden sich bestimmte - immer wieder andere - Teile herauspicken, um sie zu erklären. "Was sie getan haben, ist furchtbar selektiv", kritisiert Pelling. Außerdem hätten Tucker und Talbert offensichtlich eine Menge anderer Aspekte ignoriert, die bereits seit Langem intensiv diskutiert werden.

Der Informatiker und Verschlüsselungsexperte Klaus Schmeh kritisiert, dass Tucker und Talbert ihre Analyse zwar in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht haben, das Studien begutachten lässt - aber offenbar wurde diese Arbeit keinen Voynich-Manuskript-Experten vorgelegt. Das sei "ein grober Fehler", schreibt er auf seinem Blog.

Dort hat sich auch ein weiterer Voynich-Spezialist gemeldet: Er sehe hier einen Effekt wie ihn die Parabel von den blinden Männern und dem Elefanten beschreibt, stellt der US-Amerikaner Richard SantaColoma dort fest. "Einer berührt ein Bein und denkt, es ist ein Baum. Ein anderer befühlt das Ohr und meint, es sei ein Fächer. Ein weiterer fasst nach dem Schwanz und nennt es ein Seil."

Schmeh zufolge müssten Tucker und Talbert nachlegen, wenn sie wollen, dass ihre Mexiko-Theorie ernst genommen wird. "Wenn sie einige Textpassagen schlüssig übersetzen können, haben sie gewonnen. Ansonsten wird sich die Mexiko-Theorie in die lange Liste der Voynich-Scheindechiffrierungen einreihen."

Das vollständige Manuskript lässt sich auf den Seiten der Beinecke Library anschauen.