Gefloppte Umwelttrends Trotzdem!

Damit unsere Gesellschaft den ökologischen Umbau schafft, muss sich eine Menge verändern. Viele Ideen sind gut. Manchmal allerdings sind sie vor allem: gut gemeint. Und gehen als Schnellschuss auch mal nach hinten los.

Von Petra Steinberger

Es gibt ein paar klassische Paradoxien, die kennt man. Etwa das: "Epimenides der Kreter sagt, dass alle Kreter lügen." Oder: "Dieser Satz ist falsch." Einige sind weniger bekannt - obwohl man sie inzwischen kennen sollte. Etwa Jevons' Paradox: Der englische Ökonom William Stanley Jevons hatte postuliert, dass technologischer Fortschritt, wenn er die effizientere Nutzung eines Rohstoffes erlaubt, letztlich zu einer erhöhten Nutzung dieses Rohstoffes führt.

Gefloppte Umwelttrends

Jevons beobachtete dieses Paradox, als James Watts Dampfmaschine eingeführt wurde: Diese ging sehr viel sparsamer mit Kohle um als die Maschinen vor ihr. Aber weil sie die Energiegewinnung aus Kohle billiger machte, verbreitete sie sich schnell. Eine einzelne Dampfmaschine sparte also, aber gerade weil sie sparte, gab es bald viele davon, was den Energieverbrauch insgesamt hochschnellen ließ.

Es ist zwar nicht paradox, aber doch ironisch, dass Jevons sein Postulat ausgerechnet am Beispiel der Kohle entwickelte. Denn mit der verdammten Kohle und ihrem Helfershelfer Dampfmaschine fing ja alles an: die gewaltige Industrialisierung der Welt, der ungeheure Anstieg der Verbrennung fossiler Brennstoffe, später kam das verfeuerungsstechnisch noch effizientere Öl hinzu - und damit natürlich die wachsende Verblasung von CO2 in die Atmosphäre. Was sich eineinhalb Jahrhunderte später als Desaster herausstellte.

Die große Mehrheit der dafür Hauptverantwortlichen, also die Bewohner der nördlichen, reichen, hochindustrialisierten Hemisphäre hat inzwischen verstanden, dass der Klimawandel in die Katastrophe führen kann. Man ist einigermaßen willens, etwas dagegen zu unternehmen, verlangt das auch von der Politik und nimmt zunehmend die Industrie in die Pflicht - solange es nicht zu teuer oder zu unbequem wird.

Der ökologische Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft ist zwar schleppend, aber eben doch in Gang gekommen und wird langfristig, vielleicht, die schlimmsten Auswirkungen aufhalten oder wenigstens eindämmen können. Aber wie das so ist bei technischen Innovationen und großen gesellschaftlichen Veränderungen - bei den Details dieses Umbaus kann und wird einiges schiefgehen. Manchmal werden besten Gewissens Verordnungen erlassen, deren Folgen nicht wirklich durchdacht oder zunächst einfach nicht erkennbar sind wie bei der Umweltzone, beim Dosenpfand oder bei der ersten Generation der Energiesparlampen.

Manchmal verbinden sich durchaus legitime Geschäftsinteressen der Wirtschaft mit grundsätzlich erwünschten politischen Vorgaben zu einer Melange, die alles noch schlimmer macht. Oft schädigt die neue Maßnahme die Natur mehr, als dass sie diese heilt. Wenn etwa Pflanzen für Treibstoff angebaut werden, können an derselben Stelle nicht gleichzeitig Pflanzen wachsen, die die Welt ernähren sollen. Problematisch, wenn sich sowieso schon immer mehr Menschen von derselben Fläche ernähren wollen. Und es sind immer die Gleichen, die unter solchen Fehlentwicklungen leiden: die Ärmsten der Armen, die meist am wenigsten zum Klimawandel beigetragen haben, heute aber am meisten darunter leiden.

Richtige Technik - falsche Anwendung

Neben Innovationen, so manchen Schnellschüssen, Irrläufern und, unterstellen wir mal, vielleicht ein oder zwei Entscheidungen, bei der gewisse Industrien freundlich mitberaten haben, lautet eines der wichtigsten Schlagwörter der Energiewende: Effizienz - Einsparen, technische Verbesserungen, die den Energieverbrauch reduzieren sollen.

Klingt bekannt? Wir sind wieder bei Jevons und seinem Paradox angelangt, auch genannt Rebound-, oder Abprall-Effekt: Energiesparen führt eben nicht zu weniger Energieverbrauch. Als "Wunschdenken" hat es Reinhard Madlener, Professor für Wirtschaft und Energieökonomie an der TH Aachen sogar bezeichnet - als er den Bericht einer Gruppe internationaler Wissenschaftler für die Enquête-Kommission "Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität" zusammenfasste. Die Einsparungen werden durch Mehrkonsum in großen Teilen aufgefressen.

Das funktioniert so: Wer sich ein Auto zulegt, das weniger Benzin braucht, nutzt es mehr - oder fährt schneller. Wer Energiesparlampen im Haus einbaut, lässt vielleicht gleich den nachts bisher dunklen Garten erstrahlen. Manchmal kommt ein gewisser Gadget-Wahn hinzu. Man gönnt sich eine schicke Solarlampe an Stellen, an die man nie ein Stromkabel hinverlegt hätte. Aber wer bedenkt schon, dass diese Lampe, die sich tagsüber brav mit Sonnenenergie betankt, vielleicht eine Batterie enthält, deren Herstellung ein Vielfaches an Energie gekostet - und auch noch seltene, teure Rohstoffe benötigt.

Auf bis zu 67 Prozent schätzen Untersuchungen übrigens den Rebound-Effekt in Deutschland. Dazu gehört auch die Tendenz, das durch energieeffiziente Maßnahmen eingesparte Geld für anderes auszugeben - was natürlich weitere Ressourcen verbraucht. Manchmal wird aus dem Rebound-Effekt sogar ein Backfire-Effekt: Es wird hinterher sogar noch mehr Energie verbraucht, als zuvor eingespart wurde.

Was hilft? Jedenfalls kein blinder Aktionismus, kein politischer Hyperaktivismus. Eher brauchen wir Aufklärung. Und Ehrlichkeit beim Eingeständnis von Fehlern. Damit es nicht dazukommt, dass wir irgendwann glauben, dass es sowieso egal ist, was wir wie oft, wie schnell, wie viel konsumieren. Das ist es nämlich trotz allem nicht. Die einfache und leider unangenehme Antwort lautet: viel, viel weniger.