Gefahren für die Gesundheit Klimawandel bedroht medizinischen Fortschritt

  • Macht der Klimawandel die medizinischen Entwicklungen der vergangenen 50 Jahre zunichte? Das befürchten zumindest Experten einer internationalen Kommission in der Fachzeitung Lancet.
  • Sie erklären den Klimawandel zum "medizinischen Notfall", der, wenn er sich fortsetzt, schon innerhalb weniger Jahre zur großen Bedrohung für die Gesundheit werden könnte.
  • Sie fordern ein Fünf-Jahres-Programm mit medizinischen und politischen Maßnahmen.
Von Christopher Schrader

Das Bild eines Rettungswagens mit Blaulicht passt nicht recht zum gemächlichen Tempo, mit dem die internationalen Klimaverhandlungen vorankommen. Die Metaphorik findet Hugh Montgomery vom University College in London dennoch angemessen. "Der Klimawandel ist ein medizinischer Notfall", sagt er; sofortiges Handeln unter Einsatz aller verfügbarer Technik sei nötig. Kein Arzt würde eine Serie jährlicher Konsultationen für angemessen halten, aber genau das ist im Moment die globale Reaktion."

Der Klimawandel könne die Fortschritte der vergangenen 50 Jahre zunichtemachen, die es bei der globalen Gesundheit und wirtschaftlichen Entwicklung gegeben hat, ist Montgomery überzeugt: Zu diesem Ergebnis ist eine von der Fachzeitschrift Lancet berufene, internationale Expertenkommission gekommen, die er mit einem britischen und einem chinesischen Kollegen geleitet hat. Ihr Bericht wird am Dienstag in London veröffentlicht (kostenfrei, aber Registrierung erforderlich).

Ungebremster Klimawandel "stellt ein unakzeptabel hohes und womöglich katastrophales Risiko für die menschliche Gesundheit dar", schreibt die Arbeitsgruppe. Die Experten deuten auf direkt und indirekt wirkende Gefahren. Zum einen bedrohten Extremwetter-Ereignisse Menschen unmittelbar: längere Hitzewellen und Trockenperioden, heftigere Stürme und höhere Flutwellen. Außerdem vergrößere sich das Verbreitungsgebiet von Krankheitserregern.

Studien untersuchen Begleitumstände des Klimawandels

Mittelbar haben Staaten weniger Ressourcen für das Gesundheitssystem zur Verfügung, wenn sie die Folgen des Klimawandels bewältigen. Veränderte Niederschläge lösen Wassermangel und Nahrungsmittelunsicherheit aus, immer mehr Menschen müssen ihre Heimat verlassen.

Solche Warnungen beruhen oft auf der Annahme, dass die internationale Gemeinschaft einfach gar nichts gegen den Klimawandel unternimmt. So kommt zum Beispiel auch eine Studie der Anglia Ruskin University zustande, über die die britische Tageszeitung The Independent am Montag berichtet hat: Die Forschungsgruppe hat im Auftrag des Versicherungskonzerns Lloyd's of London ein extremes Szenario in einem Modell des Nahrungsmittelmarkts durchgespielt.

Ohne Klimaschutz gäbe es dann bis zum Jahr 2040 katastrophale Einbrüche in der Lebensmittelproduktion: Die Weizenerträge sänken um sieben Prozent, die Sojaernte fiele gar elf Prozent niedriger aus, ohne dass die Studie genau sagt, welche Werte genau sie vergleicht. Aber vor dem Hintergrund, dass die Ernährungsorganisation der Vereinten Nationen, FAO, bis zum Jahr 2050 eine Verdopplung der Erträge für nötig hält, ist jeder Rückgang ein Alarmzeichen. Lloyd's sieht dann auch große Unruhen in den betroffenen Ländern voraus und eine weltweite Wirtschaftskrise.

Viele Maßnahmen wären auch ohne Klimawandel lohnend

Doch gerade, weil viele Menschen die Alarmrufe nicht mehr hören können oder mögen, will es die Lancet-Kommission nicht allein bei solchen oft gehörten Warnungen belassen. Sie stellt den Kampf gegen den Klimawandel als Gelegenheit dar, die Gesundheit in aller Welt zu verbessern.

Es gebe unter den Vorschlägen zum Klimaschutz viele sogenannte No-Regret-Optionen, die sich selbst dann lohnten, wenn es keinen Klimawandel gäbe. Das Abschalten von Kohlekraftwerken etwa dürfte die Rate an Atemwegserkrankungen deutlich senken. Eine Veränderung des Transportsystems in Städten, das auf öffentliche Verkehrsmittel, Fußgänger und Radfahrer setzt, könnte Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs vorbeugen.

Politische und medizinische Forderungen

Die Experten stellen daher ein Fünf-Jahres-Programm auf. Einige Forderungen darin sind politisch: ein verbindliches Klimaabkommen, ein internationaler Preis für CO₂-Emissionen und die Förderung erneuerbarer Energiequellen. Den Abschied von der Kohle, das Umgestalten der Städte und Hilfe für ärmere Länder aber begründen die Experten medizinisch.

Um nachzuweisen, dass sich das tatsächlich lohnt, sollen weltweit Zahlen über Krankheiten und ihre Kosten erhoben werden. Die Experten kündigen an, am Ball zu bleiben: Alle zwei Jahre wollen sie ihren Bericht fortschreiben.