Von Christina Berndt

Auf Intensivstationen liegen die hilflosesten Patienten - doch gerade hier passieren erschreckend viele Fehler. Ein Drittel der Kranken wird nicht wie vorgesehen behandelt.

Wen es auf die Intensivstation eines Krankenhauses verschlägt, der ist im Allgemeinen besonders hilfsbedürftig. Die Schwelle zum Tod ist oft nicht weit, behandelnde Ärzte und Krankenschwestern sollten also noch sorgsamer vorgehen als sonst.

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Auf der Intensivstation ist die Arbeitsbelastung für Ärzte und Pfleger besonders hoch - doch Fehler passieren vor allem bei Routinebehandlungen. (© Foto: iStock)

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Doch gerade das scheint auf Intensivstationen erschreckend häufig nicht der Fall zu sein, wie ein internationales Ärzteteam nun berichtet; die Fehlerrate sei extrem hoch (British Medical Journal, Bd.338, S.b814 und Deutsches Ärzteblatt, Heft16, S.A771, 2009).

Der Grund ist aber nicht unbedingt außergewöhnliche Schlamperei. Auf solchen Stationen seien die Abläufe und die Erkrankungen nun einmal auch besonders komplex, gibt das Team um Andreas Valentin von der Krankenanstalt Rudolfstiftung in Wien zu bedenken.

Ihre Erkenntnisse über die fehlerhaften Intensivstationen haben die Forscher mit einer Umfrage gewonnen. Sie haben das Personal von 113 solcher Spezialstationen in 27 Ländern befragt, beteiligt hatten sich auch neun Abteilungen aus Deutschland.

Für die Studie hatten die Ärzte und Schwestern alle Fehler aufgezeichnet, die an einem einzigen Tag im Januar 2007 mit Medikamenten passiert waren. 861-mal geschah an diesem Tag ein solches Missgeschick - bei 441 von 1328 Patienten.

Arbeitsbelastung, Stress, Ermüdung

Insgesamt hatte also jeder dritte Patient das falsche Medikament bekommen, gar keines oder seine Arznei in einer falschen Dosierung, zum verkehrten Zeitpunkt oder auf dem falschen Weg. Nur zwei Drittel der Patienten waren so versorgt worden, wie es vorgesehen war.

Tröstlich ist, dass sich die allermeisten dieser Fehler (71 Prozent) offenbar nicht auf die Gesundheit der Patienten auswirkten. Manche Fehler aber hatten umso schrecklichere Folgen. So starben zwölf Patienten (einProzent) oder erlitten dauerhaften Schaden. Acht der 15 hierfür verantwortlichen Fehler unterliefen Personal, das sich noch in der Ausbildung befand.

Der häufigste Grund für die Falschbehandlungen waren nach Einschätzung der Ärzte und Schwestern Arbeitsbelastung, Stress oder Ermüdung. Dennoch traten die meisten Fehler bei Routinebehandlungen und nicht bei Notfällen auf. Routine könnte also mehr noch als Stress ein Risikofaktor sein, vermuten Michael Zenz und Thomas Weiß vom Uniklinikum Bergmannsheil in Bochum.

Zudem haperte es häufig an der Kommunikation des Personals. "Die Erkenntnisse kommen sicher allen Intensivmedizinern aus der Praxis bekannt vor", schreiben Zenz und Weiß in einem Kommentar.

Die Fehlersucher um Andreas Valentin zeigen auch Wege, wie manche Probleme künftig vermieden werden könnten. Die Arbeitsabläufe sollten möglichst vereinfacht werden, betonen sie. So führe es besonders häufig zu Verwechslungen, wenn zwei verschiedene Personen eine Infusion vorbereiteten und dem Patienten anlegten.

Auch andere relativ einfache Maßnahmen könnten Abhilfe schaffen - etwa die regelmäßige Kontrolle der Medikamente beim Schichtwechsel. Zudem sei auf Intensivstationen, die ein Fehlermeldesystem eingeführt haben, die Fehlerhäufigkeit deutlich reduziert.

"Anscheinend ist die Kultur im Umgang mit Fehlern ein wichtiger Faktor, der die Sicherheit erhöht", sagen Zenz und Weiß. Maßstab für Ärzte könnten in Zukunft die hohen Sicherheitsstandards in der Luftfahrt sein - mit ihren Simulatortrainings, der Analyse von Beinahe-Zusammenstößen und der Untersuchung von Absturzursachen.

"Zum Trost sollte man aber auch sagen: Die Intensivstation ist keine Normalstation und deshalb auch kein Routineflug", schreiben die Mediziner.

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(SZ vom 17.04.2009/gal)