Gefälschte Dissertation Einfach hineinkopiert

Nach einem Fälschungsskandal an der ETH Zürich ist Vizepräsident Peter Chen zurückgetreten. Einer seiner Mitarbeiter soll Forschungsdaten manipuliert haben.

Von Thomas Kirchner

Ein Fälschungsskandal bringt die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) in Zürich in Misskredit. Der Forschungschef der Universität, der gebürtige Amerikaner Peter Chen, ist zurückgetreten, weil bei einer unter seiner Leitung entstandenen Arbeit offensichtlich Daten manipuliert wurden. Wer das getan hat, ist offiziell noch unklar.

Der 49-jährige Chen ist Vizepräsident der ETH, zuständig für Forschung und Wissenschaftsbeziehungen. Der Fall betrifft ihn jedoch in seiner Eigenschaft als Chemie-Professor. Seine Gruppe forschte über die spektroskopische Strukturaufklärung von Kohlenwasserstoffradikalen. Daraus entstanden im Jahr 2000 zwei Publikationen, die Chen und zwei weitere Autoren verantworteten, sowie eine Doktorarbeit.

Hineinkopierte Daten

Nachdem andere Forscher die Ergebnisse nicht hatten wiederholen können, kamen erste Zweifel an den Daten auf. Ingo Fischer, einer der Co-Autoren und heute Professor in Würzburg, kontaktierte den damaligen Doktoranden, der den größten Teil der Messungen unternommen hatte. Auf seine Frage nach dem Laborprotokoll und den Rohdaten der Messungen erhielt Fischer zur Antwort, das alles sei verschwunden. Bisher sind die Unterlagen auch nicht wieder aufgetaucht. In der Folge erschienen weitere Studien, die klar machten, dass die Zürcher Resultate nicht stimmen konnten. Eine genauere Untersuchung bestätigte den Verdacht: Einige Daten waren hineinkopiert worden.

Im Januar dieses Jahres schließlich bat Chen die ETH-Leitung, den Fall von einer Kommission untersuchen zu lassen. Die beiden Untersuchungen hat Chen inzwischen zurückgezogen. Die Kommission aus externen und ETH-Professoren erstellte nach Befragung aller Beteiligten einen Bericht, der der SZ vorliegt. Nach Ansicht der Experten scheiden Chen und Fischer als Verdächtige aus, so dass nur der Doktorand als Schuldiger bleibe. Zwar seien die Daten relativ offen zugänglich gewesen, doch hätte niemand anderes die technischen Fähigkeiten gehabt. Der Doktorand weist den Vorwurf zurück und behauptet, jemand habe die Daten hinter seinem Rücken manipuliert, um ihm zu schaden.

Druck als Motiv

Unmittelbar nach der Dissertation verließ der Wissenschaftler die ETH, begann bei JP Morgan zu arbeiten und wechselte 2004 zur Schweizer Großbank UBS, wo er als Analyst die chemische Industrie beobachtet.

Motiv des Fälschers, so die Experten, könne der Druck gewesen sein, die Forschungsarbeit rasch zu beenden, um schnell in den Job einsteigen zu können. Der Bericht empfiehlt, auch die Doktorarbeit zurückzuziehen. Das wollte der UBS-Mann zunächst auch aus freien Stücken tun, hat den Schritt aber inzwischen widerrufen. Weil der Betrug ohne die Unterlagen kaum noch nachzuweisen sein wird? Der Kommissionsbericht ist noch nicht veröffentlicht - "aus rechtlichen Gründen", wie die ETH erklärt. Offenbar laufen mehrere juristische Verfahren in dem Fall.

Der Bericht bescheinigt der Universität, bei der Aufklärung der Sache korrekt vorgegangen zu sein. Auch Fischer sieht das so. Rektor Ralph Eichler spricht im Tages-Anzeiger von einer "unbefriedigenden Situation", mit der er leben müsse. "Niemand will es gewesen sein, und niemand kann beweisen, wer es war." In Chen habe er weiter volles Vertrauen. Der Professor habe sein Amt nur abgegeben, um dem Ruf der ETH nicht zu schaden.