Gefährdete Sprachen Wirtschaft bedroht Worte

Noch werden knapp 7000 Sprachen auf der Welt gesprochen, doch jede vierte droht auszusterben. Die Ursache: der wirtschaftliche Strukturwandel. Eng für Sprachen wird es gerade in Tibet und Brasilien.

Von Christian Weber

Üblicherweise arbeiten Naturschützer für die Rettung bedrohter Tiere und Pflanzen. Dass sie sich nun auch um exotische Sprachen kümmern, überrascht auf den ersten Blick, ist aber nur folgerichtig: "Sprachen gehen mittlerweile mit einer Geschwindigkeit verloren, die den gut bekannten, katastrophalen Verlust der Biodiversität sogar noch überschreitet", schreibt ein Team um Tatsuya Amano von der zoologischen Fakultät der University of Cambridge im Fachmagazin Proceedings of the Royal Society B (online). Wenn man die Kriterien der International Union for Conservation of Nature (IUCN) anwendet, dann seien bereits rund 25 Prozent der knapp 7000 noch lebenden Sprachen auf der Welt vom Aussterben bedroht, warnen die Wissenschaftler. Und auch der Grund für das Verschwinden von Sprachen und der Arten in Flora und Fauna sei der gleiche: Es sei die entfesselte Ökonomie.

Wer sich nicht an die dominierende Sprache anpasst, riskiert das Abseits

Für ihre Studie identifizierten die Wissenschaftler anhand existierender Datenbanken zuerst die bedrohten Sprachen. Diese zeichnen sich durch eine geringe und meist noch abnehmende Zahl von Sprechern aus, die auf kleinem Raum leben. Es geht um Sprachen wie das Upper Tanana, das im Jahre 2009 nur noch von 24 Menschen im Osten Alaskas gesprochen wurde, darunter kein Kind. Nur noch einen Sprecher hat das Wichita, einst das Idiom der Prärie-Indianer in Kansas. Vom Sterben bedroht - oder bereits tot - sind die Sprachen der Aborigines in Australien. Und längst vergessen seien viele alte Sprachen, die einst in den heute ökonomisch weit entwickelten Regionen Europas und Nordamerikas gesprochen wurden. Ein Abgleich mit den derzeit vorherrschenden Wachstumsraten und Bruttosozialproduktraten zeigt nun, dass auch heute die Wirtschaft kleine Sprachen bedroht.

"Wenn sich Ökonomien entwickeln, kommt es häufig dazu, dass eine Sprache in Politik und Bildung dominiert", sagt Amato. "Die Menschen werden dann gezwungen, sich an die vorherrschende Sprache anzupassen, oder sie riskieren, dass sie im politischen und ökonomischen Abseits landen." Eine solche Gefahr sehen die Studienautoren insbesondere in tropischen Regionen wie Brasilien oder jenen Himalaja-Gebieten, in denen derzeit ein starker wirtschaftlicher Strukturwandel stattfindet. Aber auch die letzten indigenen Sprachen im Nordwesten der USA und Kanadas seien bedroht - durch die Übermacht des Englischen.