Wie vergisst der Mensch? Über diese Frage rätseln Forscher schon lange. Nun scheint zumindest eines klar: Das Gehirn betreibt viel Aufwand, um Erinnerungen zu löschen.
Das Vergessen zu erforschen ist ein schwieriges Geschäft. Erinnerungen, und erst recht nicht mehr vorhandene, lassen sich nicht mit den üblichen Bildgebungsmethoden darstellen; sie hinterlassen keinen eindeutigen Abdruck im Gehirn.
Wie funktioniert Vergessen: Forscher untersuchen, was im Gehirn beim Löschen von Erinnerungen vor sich geht. (© Foto: iStock)
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So fragen sich Forscher noch immer, wie das Vergessen eigentlich funktioniert. Schwächen sich Erinnerungen mit der Zeit einfach ab, ähnlich wie ein Foto, das mit der Zeit ausbleicht? Oder überschreiben neue Informationen die Erinnerungen und machen sie so nicht mehr abrufbar?
In jedem Fall, so waren Neurowissenschaftler lange überzeugt, vergesse das Gehirn passiv, quasi als unvermeidlicher Nebeneffekt des Lernens. Allmählich aber kommen Gedächtnisforscher zu dem gegenteiligen Schluss: Das Gehirn betreibt einigen Aufwand, um Erinnerungen zu löschen.
"Vergessen ist ein aktiver Prozess", sagt Yi Zhong von der Universität Peking. Auf molekularer Ebene bedeutet Vergessen das akkurate Zusammenspiel einer ganzen Kaskade von Proteinen. Nun meldet Zhongs Team, es habe die Schlüsselsubstanz am Anfang dieser Kaskade identifiziert: ein Protein namens Rac (Cell, Bd.140, S.579, 2010).
Die Forscher brachten Fruchtfliegen bei, einen Duft mit Futter und einen anderen mit leichten Stromschlägen zu verbinden. An den Experimenten nahmen verschiedene Fliegen-Typen teil. In einigen Tieren hatten die Forscher das Rac-Protein stillgelegt, in anderen war es aktiver als in der Kontrollgruppe.
Eine Vergessens-Kaskade
Die nichtmanipulierten Tiere konnten sich etwa eine Stunde lang gut an die beiden Düfte erinnern. Fliegen ohne Rac hingegen wussten noch nach mehr als einem Tag, bei welchem Duft sie Stromschläge zu befürchten hatten. Im Gegensatz dazu hatten Tiere, bei denen das Protein besonders aktiv war, ihr Training schon nach einer halben Stunde wieder vergessen.
In weiteren Versuchen vertauschten die Forscher die Bedeutung der beiden Düfte oder präsentierten den Fliegen ein ganz neues Duft-Paar. Wieder waren die Fliegen mit viel Rac die vergesslichsten, und mehr noch: Diesmal löste Rac die Vergessens-Kaskade besonders schnell aus.
Das Protein wirkt also auf zweifache Weise. Zum einen löscht es Erinnerungen irgendwann, sofern sie nicht ständig aufgefrischt werden. Kommen aber andere, neue Informationen hinzu, werden die alten Erinnerungen dank Rac besonders schnell gelöscht. Vergessen sei demnach ein aktiver Vorgang, folgert Zhong.
Dass dieser in gleicher Weise auch im Menschen abläuft, ist wahrscheinlich. Rac gehört zu einer Gruppe Proteine, die sich im Lauf der Evolution nur wenig verändert haben. Zhong erhofft sich nun entscheidende Erkenntnisse über die Mechanismen des Lernens: "Wir beginnen Erinnerungen zu verstehen, wenn wir das Vergessen erforschen."
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(SZ vom 19.02.2010/gal)
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Anscheinend stiftet der Artikel doch einige Verwirrung. Deswegen hier ein paar Anmerkungen:
Ob es sich nun um einen "Aufwand" handelt, den das Gehirn betreiben muss, um zu Vergessen ist eine Frage der Betrachtungsebene: Eines der in der Untersuchung verwendeten Lernprotokolle verursachte akutes Vergessen, indem der zuerst gesetzte Reiz durch einen anderen "ersetzt" wurde. Die zellulären Vorgänge, die im Gegensatz zu "einfachem" Vergessen über die Zeit nötig sind, verursachen mit Sicherheit eine stärkere und akute Aktivierung der Zellen. Wenn man will, kann man dies als Aufwand betrachten.
Generell sei aber zu erwähnen, dass Zellen immer "Aufwand" im Sinne aktiver Prozesse betreiben, um schon alleine seinen Normalzustand aufrecht zu erhalten. Auf subzellulärer Ebene geschieht nichts passiv. Also ist auch passives Vergessen ein "aufwendiger" Prozess, der in der Umgestaltung von Zell-Zellverbindungen resultiert.
Das hier erwähnte Protein Rac ist nun Mitglied einer Familie von Proteinen, die eine bestimmte Komponente des Zellgerüsts umgestalten. Dieses Umgestaltung ist auch dann notwendig, wenn sich durch Vergessen Verbindungen zwischen Zellen abschwächen. Ist nun wie im vorliegenden Fall kein aktives Rac-Protien in der Zelle vorhanden, vergessen die Tiere schlechter, da die notwendige Umgestaltung des Zellgerüsts eingeschränkt ist.
Im Übrigen sind die vorliegenden Prozesse zwischen Fliegen und Menschen durchaus vergleichbar, da dieses und viele andere Proteine Grundbausteine für zelluläre Prozesse darstellen und somit ähnliche Vorgänge über verschiedene Spezies zu beobachten sind
Das Gehirn vergisst ohne Aufwand. Zellen verknüpfen sich anders wegen Neuem oder sterben einfach ab.
Die Kunst des Vergessens muss lediglich bemüht werden bei tief eingeprägten schrecklichen Erinnerungen.
Dann auch noch den Apparat der Fruchtfliege mit dem des Menschen in Ähnlichkeit zu setzen ist gelinde gesagt nicht passend.
Leider ist mal wieder mein Beitrag verschwunden (wohl ein IE-Problem oder evtl. eins der SZ-Software), daher nur kurz:
Für die Interpretation, das Gehirn betreibe "Aufwand", "um" (= Absichtlichkeit!) zu vergessen, fehlt - zumindest soweit im SZ-Artikel dargestellt! - jede wissenschaftliche Grundlage. Vielmehr wird nur dargestellt, daß mit Rac mehr vergessen wird - das könnte sehr wahrscheinlich ein unerwünschter Nebeneffekt von Rac sein, insbesondere, falls Rac andere positive Folgen hat. [Vergleich: Die Bundesbevölkerung betreibt auch nicht viel "Aufwand", "um" oft einen Kater zu haben - sondern sie betrinkt sich aus anderen Gründen, und der Kater ist bloß eine nicht vermeidbare Folge.]
Falls Yi Zhong et al. oder andere Wissenschaftler Hinweise darauf gefunden haben, daß das Gehirn tatsächlich vergessen "wolle", fehlt das hier im Artikel komplett. Das hätte auch der SZ-Autor merken müssen. Schade.