Gebärmutterhalskrebs Impfung gegen die Angst

Viele Mädchen lassen sich gegen Gebärmutterhalskrebs impfen. Doch das ist nicht ohne Risiko. Neue Studien zeigen: Es können Nebenwirkungen auftreten.

Von Werner Bartens

Die Fragen sind ganz einfach. Sollte man die 15-jährige Tochter gegen Gebärmutterhalskrebs impfen lassen? Viele Ärzte raten zu dem dreimaligen Pieks gegen Humane Papillomviren (HPV) für fast 500 Euro, die Ständige Impfkommission empfiehlt ihn allen Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren.

Mehr als 100 HPV-Typen gibt es. Mindestens 15 davon könnten langfristig Krebs auslösen.

(Foto: Foto: AP)

Doch wann wissen Ärzte genug über den Nutzen eines medizinischen Eingriffs, um ihn zu empfehlen? Wann sind andererseits Berichte über Schäden und Nebenwirkungen so umfassend, dass der fragliche Nutzen in den Hintergrund tritt?

So einfach diese Fragen klingen, so schwer sind sie derzeit zu beantworten. Neue Studien im Journal of the American Medical Association von dieser Woche sind dazu angetan, die Zweifel an der Impfung zu verstärken (Bd.302, S.750 und S.781, 2009).

23 Millionen Impfdosen verteilt

Forscher um Barbara Slade von der amerikanischen Seuchenschutzbehörde CDC und von der Zulassungsbehörde FDA führen die Nebenwirkungen auf, die zwischen Juni 2006 und Dezember 2008 im Zusammenhang mit der Impfung aufgetreten sind. In diesem Zeitraum wurden in den USA 23 Millionen Impfdosen verteilt. In einem freiwilligen Register wurden zwar insgesamt wenige Zwischenfälle registriert - mehr aber, als die Forscher nach früheren Studien erwartet hatten.

Besonders Thrombosen und Ohnmachtsanfälle mit Stürzen wurden nach der Impfung häufiger beobachtet. Da die Nebenwirkungen nicht systematisch erfasst wurden, könnte es sein, dass deutlich mehr unerwünschte Reaktionen vorkamen.

"Langzeitrisiken kennt man nicht und seltene Kurzzeitrisiken erkennt man nicht, wenn es sich nicht um offensichtliche Veränderungen wie bei den Contergan-Schäden handelt", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Ingrid Mühlhauser von der Universität Hamburg. "Ob die Impfung sicher ist, kann man nicht sagen - die Entscheidungslage ist unsicher. Es gibt kein Richtig oder Falsch."

Die Hamburger Medizinerin ärgert sich darüber, dass die Impfung in Europa "unkontrolliert" eingeführt wurde, ohne dass Nebenwirkungen systematisch dokumentiert werden und überprüfbar ist, ob die Impfung die Zahl der Krebsvorstufen verringert. "Das ist der eigentliche Skandal", sagt Mühlhauser.

Mit einseitigen Informationen beeinflusst

In einem zweiten Beitrag zeigen die Sozialmediziner Sheila und David Rothman, wie Impfstoffhersteller in den USA Ärzte finanziert, mit einseitigen Informationen beeinflusst und so den Weg zur Zulassung bereitet haben. US-Fachverbände wie die Gesellschaft für Gynäkologische Onkologie (SGO) haben geholfen, den Impfstoff zu vermarkten, indem sie von Pharmafirmen erstellte Präsentationen, Dias und Broschüren verbreiteten.

Impfstoffhersteller Merck finanzierte Fachverbände, Schulungsprogramme und richtete bei der SGO sogar eine Art Sprecherbüro ein, um Werbung für die Impfung zu machen. "Ärzte wurden auf skandalöse Weise in das Marketing eingespannt", sagt Mühlhauser. "In Deutschland ist das wohl ähnlich gelaufen." Im Jahr 2008 hat der Impfstoff 1,4 Milliarden Dollar Umsatz weltweit erzielt.

Impfempfehlungen werden argwöhnisch betrachtet, da Gesunden ein Stoff verabreicht wird, der Krankheiten in der Zukunft verhindern soll. Kein Arzt weiß, wie oft und warum eine Infektion bei einer Frau in jungen Jahren 20 bis 40 Jahre später zu Krebs führt, bei der anderen nicht. So gefährlich scheint das Virus nicht zu sein - 80 Prozent der Frauen machen im Laufe ihres Lebens eine Infektion mit HPV durch; bemerken es aber meist nicht einmal.

Mehr als 100 HPV-Typen

Wie sich die Impfung in Jahrzehnten auf die Tumorrate am Gebärmutterhals auswirken wird, vermag niemand zu sagen. Zudem ist der Schutz nicht vollständig. Es gibt mehr als 100 HPV-Typen, mindestens 15 davon könnten langfristig Krebs auslösen. Die Impfung ist aber nur gegen die krebserregenden Stämme HPV16 und HPV18 gerichtet.

"Wer kann sicher sein, dass nicht die Marketing-Strategien der Firmen die Empfehlungen der Ärzte gelenkt haben?", fragt Charlotte Haug von der norwegischen Medizinerorganisation in einem begleitenden Kommentar. Verlässliche Langzeitstudien, um die Entscheidung zu erleichtern, gibt es nicht. "Der Nutzen der HPV-Impfung ist unklar", sagt Charlotte Haug. "Selbst wenn eine Frau dauerhaft mit dem Virus infiziert sein sollte, bekommt sie wahrscheinlich keinen Tumor, wenn sie regelmäßig zur Krebsvorsorge geht."

Da der Nutzen fraglich ist, sollten Frauen sich überlegen, ob sie das - wenn auch kleine - Risiko der Impfung in Kauf nehmen wollen. Wenn nicht nur medizinische Argumente gezählt, sondern Profite der Firmen, Ärzte und Verbände im Vordergrund gestanden hätten, seien deren Abwägungen von Nutzen und Risiken wertlos. "Gebärmutterhalskrebs ist selten, aber hier wurden massive Ängste geschürt", sagt Ingrid Mühlhauser. "Das ist unfair. Außerdem geht es um das Geld der Versicherten.'"