Fund in Thüringen Kaiser Wilhelms Schatz aus dem Brunnen

In einem Burgbrunnen in Thüringen birgt ein Meeresbiologe einen Sack mit Artefakten von Kaiser Wilhelm I. Der Höhepunkt einer kuriosen Geschichte.

Von Hubert Filser

Mehr als 70 Jahre lang lag der kleine, golden schimmernde Elefant (erstes Foto) 176 Meter weit unten auf dem Grund des weltweit wohl tiefsten Brunnens. Aus diesem Loch, dem Burgbrunnen auf dem geschichtsträchtigen Mittelgebirge Kyffhäuser in Thüringen, hat ihn ein Team um den Meeresbiologen Hans Fricke geborgen. Zu weiteren Funden gehören eine kleine Krone mit 100 Halbedelsteinen, ein klappbares Kaffeekännchen, Schmuck (zweites Foto), Medaillons und Amulette - alles Dinge, die wohl einst dem der Burg angegliederten Denkmalmuseum zu Ehren Kaiser Wilhelms I. geschenkt wurden - und seit Jahrzehnten als verschwunden galten.

Der Elefant aus dem Brunnen

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Am morgigen Samstag wird Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow den Kyffhäuser besuchen. Womöglich wird er Geld für die Erforschung der Funde in Aussicht stellen. In jedem Fall soll ein Ausstellungskonzept präsentiert werden, das den Schatz aus dem Brunnen einbezieht.

Es ist der vorläufige Höhepunkt einer skurrilen Geschichte. Sie beginnt Mitte April 1945, als Hugo Werter, der Verwalter des Denkmals, den Elefanten mit weiteren Preziosen aus dem Museum am Kyffhäuser-Denkmal in einen PVC-Sack steckte und in den Schlund des Brunnens warf. Er wollte die Stücke vor den anrückenden Alliierten retten. Es muss ordentlich gescheppert haben, als der Sack mit Schmuck und wertvollem Porzellan, darunter 50 Zentimeter große Schüsseln, 176 Meter tief an den Brunnenwänden hinabpolterte.

Arbeiter hatten den Schacht im Mittelalter in den Sandstein getrieben, um die Burg mit Wasser zu versorgen. Neun Meter tief stand unten das über durchlässige Gesteinsschichten hineinrinnende Wasser.

Ins Rollen gebracht hatte die Bergung Sonja Stuchtey, die Nichte des einstigen Verwalters Hugo Werter. Sie erzählte dem Max-Planck-Forscher Hans Fricke, bekannt durch seine Tauchfahrten mit dem Unterseeboot Jago, im Jahr 2011 von der Existenz des Sacks. Der Meeresbiologe plante die aufwendige Bergung. Sein Interesse galt zwar auch einem seltenen und blinden Krebs Niphargus bajuvaricus, den er in den Tiefen des Brunnens zu finden hoffte, aber vor allem lockte den Wissenschaftler das Rätsel des geheimnisvollen Sacks. Zwei Wochen lang holten Arbeiter einer Bergungsfirma mehr als sechs Tonnen Steine und Schlamm aus dem Brunnenloch und pumpten das Wasser ab. Viele der Steine hatten Touristen über Jahrzehnte hinweg in den Schacht geworfen.

Das Bergungsteam entfernte den Schlamm bis zu der Stelle, an der tatsächlich der 1945 hinabgeworfene Sack lag (vorletztes Foto). Bis dorthin hatte im Jahr 1937 ein Räumkommando den damals komplett mit Steinen aufgefüllten Brunnen freigelegt. Tiefere, bis ins Mittelalter reichende Schichten sind unberührt, sie könnten weitere Geheimnisse bergen. Fricke durfte aber nicht weitergraben. Er wollte seine Fundstücke von Forschern aus München und Nürnberg genauer untersuchen lassen. Beim Elefanten etwa vermutet er, dass der aufklappbare Anhänger "einst Duftmittel oder gar Rauschgift enthielt". Allerdings haben die zuständigen Behörden in Thüringen alle Funde an sich genommen, um sie in Eigenregie zu untersuchen - was Fricke enttäuscht. Er hätte gern die Details erforscht, auch die Geschichte des wertvollen, leider zersprungenen Porzellans.

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